Bemerkungen zum Alter des Glöcklerlaufens
Von Franz J. Grieshofer
Unter den Bräuchen des Landes ob der Enns¹) vermag das Glöcklerlaufen denJubilar wohl am meisten in seinen Bann zu ziehen. Dafür wird man nicht nur fachli-ches Interesse in Rechnung stellen, sondern auch eine starke, bis in die Kindheit zu-rückreichende persönliche Beziehung. Die gleichsam durch die Luft schwebendenund vom dumpfen Dröhnen der Schellen begleiteten transparenten Lichterhaubender Glöckler mögen im Knaben, der das nächtliche Schauspiel vom Balkon des El-ternhauses in der Brennerstraße erlebte, jenen unauslöschlichen Eindruck hinterlas-sen haben, der den Studiosus bei seiner Suche nach den bewegenden und ordnendenPrinzipien des Lebens begleitete und ihn zur Volkskunde führte. Im Glöcklerlaufenfindet er den ,, Väterglauben❝2) verwirklicht, und aus der Musik der Schellen ver-nimmt er die Botschaft: ,, Das Leben zwingt den Tod...". ³) Nur außergewöhnli-che Umstände können Franz C. Lipp deshalb hindern, die Glöcklernacht nicht inseiner Vaterstadt Bad Ischl zu verbringen, in deren Heimatbuch er auch die bisherbeste wissenschaftliche Einordnung des Brauches gibt. 4) Ein Beitrag zu diesem The-ma möchte daher nur als eine Ergänzung verstanden werden.
Die Beschäftigung mit dem Glöcklerlaufen setzt freilich einen methodologi-schen Exkurs voraus. Es ist nämlich erstaunlich, daß die bisherigen über die bloßeBeschreibung hinausreichenden wissenschaftlichen Untersuchungen ausschließlichphänomenologisch- vergleichende Kriterien anwenden. Sie zerlegen das Brauchge-schehen in seine Elemente und versuchen daraus seinen Sinn zu erschließen, d. h.,die der einzelnen Brauchhandlung zugeordnete Bedeutung wird zur Erklärung her-angezogen. Diese Methode findet ihre Grundlage in der mythologischen Richtung,die den jeweiligen Brauch als Addition aus einem feststehenden, in sich variablenRepertoire an Handlungselementen ansieht. Das immer wiederkehrende Vorkom-men gleicher Handlungen bei ganz bestimmten Anlässen legt eine Typisierung nahe.Da man die einzelnen Elemente zudem durch alle Zeiten beobachten kann, erblicktman in ihnen jenes archetypische Prinzip, mit dem man den Urgrund zu erschließenvermeint.
Ein solches uraltes Prinzip stellt die Umkreisung dar5), aus deren Richtung manzusätzlich die Wirkung ableiten kann: laufen die Glöckler- um bei unserem The-ma zu bleiben- ,, mitsonnen", dann zeigen sie das Anwachsen des Sonnenbogensan ,,, gegensonnen" ziehen sie einen imaginären Schutzwall gegen alles Unheil. Am-bivalente Erklärungen finden auch die übrigen Elemente. Danach dient der Lärmder Schellen dazu, die ,, bösen Geister" zu vertreiben, er vermag aber auch, die er-starrte Natur- unterstützt durch das Stampfen der Glöckler- wieder zum Lebenzu erwecken. Das aus den durchbrochenen Kappen strömende Kerzenlicht verheißtin der dunklen Winternacht Trost und entzündet die Hoffnung nach der wiederer-starkten Sonne.( Diese Sehnsucht schreibt man vor allem den Vorfahren
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