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Volkskultur : Mensch und Sachwelt ; Festschrift für Franz C. Lipp zum 65. Geburtstag
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Zimmermannsmalereien aus Niederbayern und ihre

oberösterreichischen Parallelen

Von Torsten Gebhard

Aufmerksamen Wanderern entgeht nicht, daß an manchen niederbayerischenBauernhöfen noch farbiger Schmuck des Zimmermannswerkes zu finden ist, wennauch vielfach verblaßt, oft auch mehr oder weniger geschickt erneuert. Meist sind esBetonungen von Kanten, Fasen, Unterschneidungen in rot, grün, schwarz und weiß.Gelegentlich wagten sich die Zimmerleute auch an Figürliches heran. Besonders be-vorzugt sind Hof- und Stadeltore sowie die Unterseiten der vorstehenden flachge-neigten Dächer. Sucht man sich über die Entstehungszeit Gewißheit zu verschaffen,so liegt sie, der Vergänglichkeit dieses Dekors entsprechend meist in der ersten Hälf-te des 19. Jahrhunderts. In günstig gelagerten Fällen treffen wir Malereien des 18.Jahrhunderts an. Da man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weitgehendzum Stein- und Ziegelbau übergegangen war und überdies dort, wo das Holzwerkbeibehalten wurde, dieses weiß zu tünchen pflegte, wurde die uns hier interessieren-de Zimmermannsmalerei aufgegeben. Sie geriet förmlich in Vergessenheit. Die Zim-merleute der jüngeren Generation verloren Kenntnis und Übung im Umgang mitFarbe und Pinsel. Wieviel derartiger Schmuck heute in Niederbayern noch erhaltenist, läßt sich nicht exakt sagen, da eine hier notwendige, ins Detail gehendeBestandsaufnahme noch fehlt.

Es fragt sich nun, wann diese Übung aufgekommen ist, die sowohl ein Zeugnisfür Phantasie und Können der Zimmerleute abgibt, wie auch Ausdruck selbstbe-wußter bäuerlicher Repräsentation gewesen ist. Wer die ,, Germania" des Tacitusnoch in Erinnerung hat, wird sich vielleicht auf den Bericht über den Schmuck derGermanenhäuser mit Erdfarben besinnen. Doch führt von dort, nach unserer heuti-gen Kenntnis, kein Zusammenhang zu dem, was hier spät- und nachbarockeSchmuckfreudigkeit geschaffen hat, so wenig man die bei Tacitus erwähnten Einzel-hofsiedlungen mit den Einödhöfen Niederbayerns in irgendeinen Zusammenhangbringen könnte.

Der älteste Beleg für niederbayerische Zimmermannsmalerei, der auf uns ge-kommen ist, dürfte nach dem gegenwärtigen Stand unserer Kenntnisse, in dem ein-geritzten und farbigen Schmuck am Getreidekasten vom Greindlhof aus Niederneu-ching bei Erding aus dem Jahre 1581 zu finden sein. Der Traidkasten, der heute aufdem Gelände der bayerischen Landesanstalt für Tierzucht in Grub bei Poing( imMünchener Osten) steht, erweckte bereits 1898 das Interesse der Forschung. Wennauch Erding heute zum Regierungsbezirk Oberbayern gehört, so dürfen wir das Er-dinger Umland, das einst zum niederbayerischen Rentamt Landshut gerechnet wur-de, als Bestandteil der niederbayerischen Kulturlandschaft betrachten. Der Dekordieses Getreidekastens von Niederneuching entspricht noch ganz der Sprache desspätgotischen Zimmermann- und Schreinerhandwerks vom Beginn des 16. Jahrhun-derts. Es wäre also denkbar, daß Niederneuching kein Einzelfall war, sondern

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