Die Landschaft als Spiegelbild der Volkskultur
Gedanken über Volkskunde und Landschaft
Von Kurt Conrad
Wer sich, wie der Schreiber dieser Betrachtung, in den entscheidenden Jahren,die dem beruflichen Wirken eines Mannes gegönnt sind, dem Schutz und der Pflegeder Landschaft zu widmen hatte, den wird als gelernten Volkskundler besonders dieFrage bewegen, wie weit gerade die Volkskunde zur Erkenntnis des Wesens einerLandschaft beitragen kann. Diese Frage ist wissenschaftstheoretisch von Bedeu-tung, weil sie dazu zwingt, die Raumbindung der Kulturgüter im Zusammenhalt mitihrer Sozialbindung neu zu durchdenken oder, vereinfacht gesagt, zu fragen, inwie-fern das Landschaftsbild tatsächlich ein Spiegelbild der Volkskultur sei. Die Frageist aber auch praktisch bedeutsam, weil sie Möglichkeiten zur Erfassung des Kultur-erbes eines Landschaftsraumes und damit Ansätze zur Quantifizierung seines Kul-turpotentials eröffnet. Solche Ansätze sind vor allem für die Landespflege und Lan-desplanung wichtig, die längst erkannt haben, daß eine sinnvolle Raumordnung oh-ne Erhebung und Bewertung der Kulturausstattung der Landschaft nicht möglichist. Soweit es sich dabei um Erscheinungsformen der Volkskultur handelt, kann ihreFeststellung nur mit Hilfe der Volkskunde erfolgen, die hier als ,, angewandte Wis-senschaft" ¹) für viele junge Fachkollegen ein neues, befriedigendes Tätigkeitsfelderöffnen könnte. Im Salzburger Institut für Raumforschung wird derzeit an einemKulturwertekatalog der Salzburger Landschaft gearbeitet. Die bisher durchgeführ-ten Probeerhebungen haben bereits gezeigt, wie wichtig, ja geradezu unerläßlich, dieMitarbeit wissenschaftlich ausgebildeter Volkskundler ist. 2)
Nun scheint für den Volksforscher, der im Umgang mit Volkskundeatlantengeschult ist, nichts leichter zu sein, als den Gehalt einer Landschaft an Erschei-nungsformen der Volkskultur zu erfassen. Er wird die kartographischen Verbrei-tungsbilder bestimmter Traditionsgüter, etwa einer Hausform, eines Trachten-stückes, eines Brauches oder einer Liedform, übereinanderlegen und die für den be-treffenden Landschaftsausschnitt typischen Erscheinungsformen herausheben undzusammenzählen. Je größer die Zahl der Traditionskreise, die sich in einer Land-schaft überschneiden und daher teilweise decken, desto traditionsreicher, desto kul-turträchtiger ist die betreffende Landschaft. Diese Folgerung ist einleuchtend,wenngleich sie die Qualität und Intensität der beobachteten Erscheinungsformenvernachlässigt. Obwohl nun diese und ähnliche Überlegungen z. B. von RichardWeiß auf die Häuser und Landschaften der Schweiz angewendet wurden³), obwohlsie Bruno Schier eigentlich schon in der Volkskunde von Friedland) und natürlichin den Hauslandschaften und Kulturbewegungen vorweggenommen hat 5) und ob-wohl sie einen Grundtenor des umfangreichen Abschnittes bilden, den Adolf Bachder geographischen Verbreitung des kulturellen Gemeinschaftsbesitzes widmet 6),sind der Landschaftsbegriff und damit die Raumbindung der Kulturgüter noch kei-
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