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Zensurierte Bildergrüße : Familienfotos russischer Kriegsgefangener 1915 - 1918
Entstehung
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Sein Bild..

Dein Anblick giebt der Seele Ruh;

Will herzen und küssen Dich immerzu.

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Abb. 13

Anonym. Fotografie

als Liebesbeweis.

Postkarte aus Wien um 1915.Gelatinesilber, 10x15cm.Privatbesitz.

plett. Eindeutiger ist die Familienzusammenführungin einem anderen Beispiel: Hier wurde ein Ganz-körperportrait des Mannes etwas ungelenk nebendas madonnenhafte Mutter- Kind- Motiv montiert( Abb. 12). Bei der Aufnahme ließ der Fotograf linksvon Mutter und Kind einen Raum frei, den er späterals Hintergrund für die Zusammenführung der Fami-lie mit Schere und Klebstoff benötigte. Erkennbar istwieder die Rosenkranzkette und neben dem Kind aufdem linken Schenkel der Frau das helle Tuch. DerMann( in Zivilkleidung) trägt um den Hals ein Kruzi-fix und hat seine linke Hand auf die Schulter seinerGattin gelegt. Unklar bleibt, warum das Bild desMannes so stümperhaft eingefügt wurde. War die Zeitzu knapp, weil die Fotografie als Geburtstagsgruẞschnell verschickt werden mußte? Oder konnte dieFrau eine Retusche als weiteren Arbeitsaufwand desFotografen nicht bezahlen, so daß dieser sich wenigMühe gab, sein Werk zu vollenden? Einige der Abge-lichteten jedenfalls erkannten durchaus, wie unvorteil-haft sie aufgenommen wurden. So schrieb eine Mutteraus Rußland ins Lager Wieselburg:,, Lieber Sohn!

Wir schicken Dir zur Erinnerung unser Bild.Wir sind nicht besonders gut getroffen,aber trotzdem ähnlich. Wir sind alle gesund."

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Bild- im- Bild- Motive sind in der Geschichte der Foto-grafie nicht unüblich: Auf einer inszeniertenPostkartenfotografie liebkost eine junge Frau das klei-ne gerahmte Bildnis des fernen Gatten( Abb. 13). Anihrer Seite steht eine Vase mit blühenden Rosen. EinReim dient als Unterschrift: Sein Bild. Dein Anblickgiebt der Seele Ruh; Will herzen und küssen Dich im-merzu." 15 Eine Wienerin hatte die Karte ihrem Ange-trauten im Mai 1915 ins Feld gesandt. Sicher lag ihreIntention darin, dem von der Front Unabkömmlichen

Abb. 14Anonym.Ferntrauung1940er Jahre.Privatbesitz.

Nähe zu vermitteln. Diese Nähe wird zunächst visuelltransportiert, schenkt doch der Empfänger einer Post-karte gemeinhin dem Bildmotiv seine erste Aufmerk-samkeit. Hier aber ist nicht etwa die schmachtendeAbsenderin, sondern ein Fotomodell wiedergegeben.Das Substitut übernimmt also die Aufgabe, dem Emp-fänger der Karte bildlich zu demonstrieren, daß manihn Zuhause vermißt. Seine persönliche Note erhältder postalische Gruß erst über die zärtlichen Worte andas liebste Mannerl" auf der Rückseite. Eine andereFotografie ist anläßlich einer Ferntrauung während desZweiten Weltkrieges entstanden( Abb. 14). Die Brautsitzt an einem Tisch, auf dem neben einem Blumenge-steck die Fotografie ihres Bräutigams steht. Ein Abzugder Aufnahme wurde sehr wahrscheinlich dem Solda-ten ins Feld als Zeichen dafür geschickt, daß die Ehenun besiegelt war. Unklar bei dieser Interpretationbleibt die Rolle des reliquienartig präsentierten Stahl-helms. Rückte ihn der Fotograf deshalb als Requisitemit ins Bild, um die Ernsthaftigkeit der Szene zuunterstreichen oder sollte er etwa als Symbol für Todund Zerstörung gelesen werden- eine Deutung diediesem Bild- im- Bild- Motiv eine Portion Subversionverliehen hätte?

Damit sind wir bei der Frage angelangt, warum denndie Militärbehörde die auf den ersten Blick harmlosenFotografien nicht an die russischen Kriegsgefangenenausgehändigt hat. Ob damals in Österreich eine ent-sprechende Zensurverfügung für Bilder existierte,konnte bislang noch nicht geklärt werden. 16 In einemetwas anderen Kontext untersuchte die FreiburgerVolkskundlerin Cornelia Brink Fotografien, diewährend des Zweiten Weltkrieges bei KZ- Häftlingengefunden wurden. Ihrem Besitzer, ihrer Besitzerin,so Brink ,,, lagen die Abgebildeten am Herzen, ihrFoto anzuschauen konnte Gefühle und Erinnerungenan die vertrauten, geliebten Menschen auslösen und

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