CARL PIETZNER
Kuk Round Kammer Photagraph
Abb. 8
Carl Pietzner, Wien.Bürgerliche Locker-heit im städtischenFoto- Atelier.
Mutter mit ihren zwei Kindern von Carl Pietzner ausdem Jahr 1904( Abb. 8). Die Frontalität ist aufgeho-ben, die Posen und die Mimik der drei Protagonistenwirken relativ leger."
In den russischen Familienfotografien ist beobachtbar,daß die Füße der auf dem Schoß der Mutter sitzendenKleinkinder des öfteren nackt sind( Abb. 6).Vielleicht stammten die Fotografierten aus ärmlichenVerhältnissen und konnten für die schnell wachsendenKinderfüßchen nicht immer die passenden Schuhegekauft werden wobei Barfußlaufen zwischen Märzund Oktober auf dem Land insgesamt eine nicht un-übliche Praxis darstellte. Andererseits war der Gangzum Fotografen immer etwas besonderes, der mit dem( seltenen) Besuch in der Stadt verknüpft war, und derdementsprechend zumeist im Sonntagsstaat zelebriertwurde. Der Atelierfotograf seinerseits überließ beiseiner Bildkomposition sicherlich nichts dem Zufallund hätte wohl seinen bedürftigen Kunden für dieAufnahmesituation passende Schuhe aus seinemFundus zur Verfügung gestellt. Deshalb liegt derSchluß nahe, daß die inszenierten Bilder in eine ganzbestimmte Richtung führen sollten: Die bloßen Füßeverweisen als Zeichen der Unschuld direkt auf das inder Kunst oft nackt und meist barfüßig dargestellteJesuskind, genauso wie die Insignien Buch oderPapierrolle, die einige der Kinder in der Hand halten.Buch und Rolle können bei Jesusdarstellung als allge-meines Symbol für Weisheit gelesen werden( Abb. 7).In Verbindung mit Maria nehmen die beiden AttributeBezug zu Verkündigung auf die Erfüllung der Ver-heißung des Jesaja.
Auf einigen Fotografien ist der Rosenkranz als langeHalskette erkennbar( Abb. 9). In einem Bildmotivstehen zwei Frauen, vielleicht Mutter und Tochter,nebeneinander vor neutralem Hintergrund. Beidetragen eine helle, hochgeschlossene Bluse, Gürtel mit
Abb. 9
Rosenkränze:
Visualisiertes
Gebet für den
Verwandten im
« Cabinet Feld.
00:00 PORTRAITO Kat. Nr. 152/6188.
auffälliger Metallschnalle und einen dunklen Rock,unter dem lediglich die Fußspitzen hervorlugen.Jeweils ein Ellbogen ruht auf einem säulenartigenPodest, der mit einem Pflanzengebinde geschmücktist. Rosenkranzketten, die bis etwa auf Hüfthöheherabhängen, gleiten durch die geschlossenen Hände.Diese Geste lenkt den Blick des Betrachters genauauf das christliche Zeichen. Zu interpretieren ist dieInszenierung vielleicht insofern, als dem Betrachter( etwa in Gestalt des Bruders an der Front) damit ver-mittelt werden soll:„ Verzage nicht! Sieh' her, wirschließen Dich in unsere Gebete mit ein!"Eine weitere Objektivation, die vielleicht als ein anden Adressaten gerichtetes Signal gelesen werden kann,ist das Schnupftuch, das sich häufig auf den Fotogra-fien in der Hand der Mutter befindet( Abb. 1, 5 u. 6).Möglicherweise sollte es die Trauer über den Abwesen-den Ehemann oder Bruder symbolisieren,„ daß ich Sehn-suchtstränen wollte trocknen mit dem Taschentuch".12
Abb. 10
Das Tüchlein: Symbol der körperlichen Unversehrtheit Mariens.Nikopoia auf der Empore der Ajia Sophia,
um 1120.
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