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Zensurierte Bildergrüße : Familienfotos russischer Kriegsgefangener 1915 - 1918
Entstehung
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Im Jahr 1927 sammelte das Österreichische Museumfür Volkskunde in Wien etwas über tausend Fotografien.Aus einer ungenannten Behörde gelangte auch einKonvolut von 196 Aufnahmen ins Archiv. Die Foto-grafien zeigen Angehörige von russischen Kriegsgefan-genen, die während des Ersten Weltkrieges im Kriegs-gefangenenlager Wieselburg in Niederösterreich inhaf-tiert waren. Als Teil sogenannter Liebesgaben", diewahrscheinlich im wesentlichen aus Päckchen mitNahrungsmitteln bestanden, hatte die österreichischeZensurstelle jene Bilder, wie es im Inventarbuch desMuseums heißt, vorgefunden und als unzulässigeEinschlüsse beschlagnahmt", deren Einsendung(...)an das gemeinsame Zentral- Nachweise- Büro in Wienwegen Unzustellbarkeit zwecklos war". Außer diesesrelativ kurzen Quellenvermerks ist über die Fotografi-en wenig bekannt. Auf einigen sind der Ort und derName des Ateliers vermerkt, 43 von ihnen wurden aufder Rückseite von Hand beschriftet- Mitteilungender Angehörigen an den Adressaten.

Paul Hugger hat sich einmal dafür ausgesprochen, nursolche Bilder für visuelle Studien heranzuziehen, die entzifferbar" sind, deren Quellenlage gesichert ist.Zu einem ähnlichen Ergebnis kam die Experten-kommission zur Überprüfung der HamburgerWehrmachtsausstellung. In ihrem Abschlußberichtempfiehlt sie für wissenschaftliche Abhandlungen undAusstellungspräsentationen ausschließlich solche Foto-grafien, deren Entstehungszusammenhang sich ein-deutig nachweisen läßt.³ Keines dieser Kriterien trifftfür die Fotografien der russischen Angehörigen zu,was bedeuten würde, daß der Bestand nicht bearbeitetwerden kann und dementsprechend für die Forschungwertlos ist. Anhand der russischen Fotografien ausdem Wiener Museum soll der Frage nachgegangenwerden, inwieweit auch solche Fotografien entschlüs-selbar und damit wissenschaftsrelevant sein können,über die keine oder nur wenige Informationen über-liefert sind.

Schon im ersten Moment wirken die Bilder anrührendund zugleich befremdend: Da sitzt eine schwarzgekleidete junge Frau vor einem eintönigen Hinter-grund. Frontal aufgenommen, schaut sie direkt insObjektiv der Kamera( Abb. 1). Ihre linke Hand ruhtauf dem Oberschenkel. Rechts hält sie ein weißes

Tuch. Seitlich steht eine Topfpflanze. Der stoffartigeHintergrund ist faltig und grau und hat etwas Im-provisiertes. Die Frau macht einen freundlichen,aber gleichzeitig seltsam erstarrten und traurigenEindruck. Die Fotografie stellt eines der wenigen Ein-zelportaits der Serie dar.4 Die übrigen Aufnahmengeben zumeist Frauen mit Kindern wieder, Männerkommen kaum vor. Der starre und traurige Duktusder Motive zieht sich durch das ganze Konvolut.Die Fotografien entsprechen damit so gar nicht denübrigen, zeitgenössischen Aufnahmen des Museums-archivs, die thematisch zumeist im Rahmen desvolkskundlichen Kanons entstanden sind.

Roland Barthes widmete sich mit seinem bildherme-neutischen Ansatz genau jenen Fotografien, die beimBetrachten Erstaunen hervorrufen,, weil sie auf denersten Blick fremdartig erscheinen, fast ruhig.6 Erkonzentrierte sich zunächst auf signifikante Merkmale,die vom Bild heraus ins Auge stechen. Da keinerleiaußerbildliche Quellen zur Verfügung standen, schienes bei den russischen Familienfotografien unabdingbar,zunächst in die motivlichen Details zu gehen. Dennnur auf diese Weise, so die Annahme, ließe sichBedeutungsüberschuß der Bilder entschlüsseln, wie esPierre Bourdieu einmal für jene Form der Fotografievorgeschlagen hat, die an der Symbolik einer Epoche,einer Klasse oder Künstlergruppe partizipiert".7Den Aufnahmen gemeinsam ist, daß sie nicht privat,also von Knipsern gemacht wurden, sondern über-wiegend in professionellen Ateliers entstanden sind.Einige dürften von Wanderfotografen aufgenommenworden sein, deren mitgebrachte Dekors den gewach-senen oder mit Stroh bedeckten Boden aber kaumkaschieren konnten. In Einzelfällen wurde auf künst-liche Kulissen ganz verzichtet. Die Hintergründesind neutral- dunkel getönt oder gemalt, sie gebenPhantasielandschaften mit Bäumen, Architekturfrag-menten und Innenraumdekors wieder. Bei manchenAufnahmen wurden zudem kleinere Möbel ins Bildgerückt. Was die Hintergründe und Accessoiresbetrifft, so ähneln die Fotografien den damals in Euro-pa üblichen Darstellungsformen, wobei allerdings dieAtelierlichtbildner in den westlichen Ländern nochdeutlich stärker auf bürgerlich anmutende Gegenständewie Säulchen, Tische, Sessel und Bücher zurückgriffen.

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