Christian Stadelmann, Wien
Die Demonstration
des politischen Katholizismus
Fronleichnam in Wien 1919-1938
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Als indirekte Folge des Ersten Vatikanischen Konzils wurde 1911 vonPapst Pius X. eine Reduktion der Feiertage vorgenommen. Unter anderemwurde Fronleichnam vom zweiten Donnerstag nach Pfingsten auf den Fol-gesonntag verlegt. Dies dürfte auf Grund einer Fehleinschätzung derBedeutung des Festes, insbesondere in den deutschsprachigen Ländern,geschehen sein. Nachdem diese Diözesen interveniert hatten, wurde es imoffiziellen römisch- katholischen Feiertagskalender, der ein Jahr spätererschien, wieder geführt. Allerdings legte der Papst die Handhabe in dieKompetenz der Bischöfe; 2 eine Vorgangsweise, die vom Zweiten Vatikani-schen Konzil bestätigt werden sollte.
Fronleichnam ist das jüngste Hochfest der katholischen Kirche. SeineEinordnung in die Liturgie ist weit weniger exakt definiert als die andererFeiertage. Die Begehung der Einsetzung der heiligen Eucharistie außer-halb des Osterfestkreises, ihre Plazierung am Beginn des Sommers istgegen die Abfolge des Heilsgeschehens konzipiert und vor allem durchsinnliche Wahrnehmung begründet: Fronleichnam das Ergebnis der Idee,die Feier des Abendmahles innerhalb der Leidensgeschichte zu isolieren,aus der Karwoche herauszulösen und vor der Kulisse der entfalteten Naturneu aufzubereiten. Die relativ unscharfe liturgische Positionierung desFestes läßt Raum für inhaltliche Belegungen, die deutlich über den eigent-lichen religiösen Gehalt hinausgehen.