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Urbane Welten : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1998 in Linz
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Susanne Breuss, Wien

Die Stadt, der Staub und die Hausfrau

Zum Verhältnis von schmutziger Stadt und sauberem Heim

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Die Volkskunde konzentrierte ihr Interesse bekanntlich lange Zeit aufdie ländliche bzw. bäuerliche Kultur, wobei die Vorstellung vom ländli-chen Leben als positiv besetztes Gegenbild zum städtischen Leben diente.,, Schreckbild Stadt" versus, Wunschbild Land": antithetisch aufeinanderbezogene Topoi, die, wie die Volkskunde selbst, in den wesentlichenZugen ein Produkt des 19. Jahrhunderts sind. Ich möchte mich hier jedochmit einem anderen Gegenbild zur Stadt beschäftigen, mit einem Ort, dersich geographisch gesehen nicht außerhalb, sondern mitten in der Stadtselbst befindet. Gemeint ist das bürgerliche Heim: auch dieses ein Produktdes 19. Jahrhunderts und in seiner Entstehungsgeschichte eng mit derUrbanisierung und der Herausbildung der modernen bürgerlichen Familieverknüpft. Wie die Vorstellung vom heilen Leben auf dem Land ist jenevom trauten Heim( auch) als ein Konstrukt gegen die Stadt zu verstehen.

Die Stadt: nicht nur für die Volkskunde ein Ort, der viel Negatives ver-heiẞt. Einer ganz bestimmten Dimension dieses Negativen möchte ichmich im folgenden widmen. Unter jenen Eigenschaftswörtern, die in Ver-bindung mit dem Hauptwort ,, Stadt" auftreten, fehlen selten solche, die mitSchmutz und Dreck zu tun haben. Zahlreiche Beispiele dafür finden sichin Prosa und Lyrik ebenso wie in Sachtexten unterschiedlichster Art: dieStadt erscheint vielfach als Inbegriff von Schmutz. Die Klage über denSchmutz der Städte ist alt, doch im 19. Jahrhundert dem Jahrhundert derIndustrialisierung und Urbanisierung, dem Jahrhundert des Bürgertumsund dem Jahrhundert der Hygiene- gewinnt sie eine neue Dimension.