Marita Metz- Becker, Marburg
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Erinnerungskultur
Zur kulturellen Konstruktion von Geschichtsbildern am Beispiel derGedenktafeln alter Universitätsstädte.
Die Erinnerungstafel als Individualdenkmal
Unter einem Denkmal wird nach einer modernen Definition„ ein in derÖffentlichkeit errichtetes und für die Dauer bestimmtes Werk verstanden,das an Personen oder Ereignisse erinnert und aus dieser Erinnerung einenAnspruch seiner Urheber, eine Lehre oder einen Appell an die Gesellschaftableiten und historisch begründen soll". Im Denkmal also kondensiertErinnerung ,, es schrumpft die verflossene Zeit zur handlichen Meta-pher".2 Zu den archaischsten Formen des Denkmalkultes gehört das Indi-vidualdenkmal, das die Erinnerung und die Identifikation mit einerbestimmten Person ermöglichen möchte. Personendenkmäler finden sichbereits in der Antike, wo sie als dynastische Monumente vor allem politi-schen Zwecken dienten. Man denke hier nur an das Marmorstandbild desAugustus von Primaporta oder das bronzene Reiterbildnis des Marc Aurel.Das christliche Mittelalter verdrängte das Personendenkmal mehr in densakralen Bereich, wo wir es in Form figürlich gebildeter Grabplatten oderals architektonisch gebundene Statuen wie etwa die Stifterfiguren imNaumburger Dom finden. Erst die italienische Renaissance griff wiederauf die Antike zurück: Ein neues selbstbewußtes Menschenbild erlaubtedie Ehrung des Individuums unter freiem Himmel. Im absolutistischen