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Kaspar Maase, Berlin- Tübingen
Wilde Eindrucksvermittler" und, Verschwinden der Kindheit"
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Zur Kartographie der imaginierten Stadt im 20. Jahrhundert
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Was ist ,, die Stadt"? Eine Siedlung von gewisser Größe, sagt das Lexi-kon, und die Soziologie fügt seit Simmel' hinzu, daß dort räumliche Ver-dichtung mit einer besonderen Lebens- und Reaktionsweise der Bewohnereinhergeht.2 Hier soll eine andere Dimension betrachtet werden.„ DieStadt" ist nämlich auch eine hochverdichtete Figur kollektiver Imaginati-on, ein wichtiger Baustein unserer Vorstellungen von der sozialen Welt.,, Stadt und Land" diese Polarität ist beinahe so elementar wie„, männ-lich- weiblich".„ Stadtluft macht frei" welch ein Versprechen! Aber einSprichwort warnt auch:„, Große Städte, große Sünden❝.3
Dieser Aufsatz geht einer Episode aus der wechselvollen Geschichtedes Vorstellungs- und Gefühlskomplexes„ Stadt" nach; er liefert einenhistorisch- ethnographischen Beitrag zur Konstruktion der imaginiertenStadt im 20. Jahrhundert. Wie Kulturpessimismus und Gegenmoderne dieGroßstadt zum Realsymbol der Entartung stanzten, ist recht gut erforscht, 4und ebenso die Verklärung des Metropolitanen zum Inbegriff gelebterModernität. Dabei erwies sich im deutschen Sprachraum das halbe Jahr-hundert vor dem Ersten Weltkrieg als wichtige Prägephase. Damals wur-den tradierte Sinnbestände anhand neuer Erfahrungen umgearbeitet zujenen stereotypisierten Deutungsfiguren der Stadt, mit deren Hilfe sichdann im ,, Zeitalter der Extreme"( Hobsbawm) vor allem soziale Haẞge-fühle mobilisieren ließen.