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Urbane Welten : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1998 in Linz
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Elisabeth Katschnig- Fasch, Graz

Im Wirbel städtischer Raumzeiten'

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Mit den zeitgeistigen Schlagwörtern Individualisierung und Enttradi-tionalisierung tauchte das alte Empfinden wieder auf, daß der gegenwärti-gen Stadtgesellschaft jegliche soziale und kulturelle Konturen verlorengegangen seien. Jede Stadt derselbe melting pot. Bekanntlich konstatiertebereits um die Jahrhundertwende Georg Simmel, daß sich im Laufe derModernisierung die Bedeutung des Raumbezuges relativiert oder sogarauflöst.² Heute sieht nicht nur Anthony Giddens Raum und Zeit bereitsgänzlich entleert. Sie kennen die apokalyptischen Diagnosen in professio-neller Selbstverständlichkeit, ob von dem Sozialwissenschaftler GerhardSchulze oder dem Architekturtheoretiker Vittorio M. Lampugnani, die dieStädte zu, anarchischen Müllhalden" verkommen sehen, sich selbst zer-störend und sich auflösend.³ Die langen Wellen der historischen Eigenar-ten wollen sich nicht nur ihnen im Strudel der spätmodernen Bedingungenendgültig verabschiedet haben. Innerhalb der aufgeregten Debatte rund umdie selbstbezogene stadtgesellschaftliche Auflösung und die drohendenCyberwelten übersah und übersieht man allerdings, daß die gegenwärti-gen gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen bei Gott nicht aufdie Begriffe Indifferenz, Entleerung oder Ende des Sozialen zu reduzierensind.5

Städte sind nach wie vor Nebeneinander und Gegeneinander kulturel-ler Tatsachen und sozialer Unterschiede. Wenn sie heute auch politischeund symbolische Instrumente eines noch nie dagewesenen Transforma-tionsprozesses darstellen, sind die Spuren des Geheimen und Einzigarti-