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Urbane Welten : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1998 in Linz
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Gerlinde Haid, Wien

Vom Land in die Stadt.

Volkslieder als sozialhistorische Quellen

Vor einigen Jahren, als ich noch im Österreichischen Volksliedwerktätig war, errichteten wir dort mit Kollegen von der Volkskunde- icherinnere mich an Norbert Ortmayer, Wolfgang Slapansky und ReinhardJohler einen Arbeitskreis ,, Volkslied und gesellschaftliche Erfahrung".Die genannten Kollegen waren Schüler von Michael Mitterauer, der nocheine Assistentengeneration vorher auf der Volkskunde nicht so beliebtgewesen war, weil er mit seinen oral history- Forschungen der Volkskundeziemlich, ins Gäu, und ein wenig auf den Wecker ging. Aber damals warendie Grabenkämpfe bereits vorbei, und wir trafen einander regelmäßig ineinem Kurs der Volkshochschule Wien- Otttakring. Professor Mitterauergab jeweils ein Statement zu einem sozialhistorischen Thema ab, Kursteil-nehmer, also das Volk, ergänzten das aus ihren lebensgeschichtlichen Erin-nerungen, die Studenten schrieben mit, stellten Fragen, versuchten sich inAnalyse, und Maria Walcher und ich sangen dann immer ein paar Liederzum Thema, die wir vorher im Volksliedarchiv ausgegraben hatten. Ichmuẞ sagen, es war eine anregende Zeit. Im Volksliedarchiv trafen wir unsdann noch ein Semester lang, um die Lieder näher auf ihren gesellschafts-historischen Bodensatz zu untersuchen. Und als es gerade um die Nah-rungsvolkskunde ging, entdeckten wir einmal ein Lied aus Südmähren mitfolgendem Text: Erdäpfl in da Friah, z'Mittag Erdäpfl in da Briah, aufdNacht Erdäpfl in die Häut, Erdäpfl in Ewigkeit. Amen! Maria Walcher hatdieses Lied in ihrem Aufsatz über Die Nahrung im Spiegel des Volkslie-des publiziert". Wir knüpften damals an diesen Text weitschweifige Fol-gerungen über Kartoffel als Volksnahrungsmittel im allgemeinen und die