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Bernd Wedemeyer, Göttingen
Antiurbane Welten
Historische Aspekte zur Stadtflucht und ländlichen Siedlungstätigkeit inder Moderne
Einleitung
Bewegungen provozieren Gegenbewegungen, Thesen rufen Antithesenhervor, und auf kulturelle Äußerungen folgen Gegenäußerungen. Die Phä-nomene bedingen sich gegenseitig. Mit der Industrialisierung und derModerne in der westlichen Welt des 19. Jahrhunderts entstand dementspre-chend auch eine antiindustrielle und antimoderne Gegenbewegung.' Undmit dem Aufkommen moderner Großstädte entwickelten sich zwangsläu-fig auch antiurbane Welten. Die Stadtflucht und der Wunsch nach ländli-cher Siedlungstätigkeit kulminierte dabei im späten 19.Jahrhundert ineiner einflußreichen Siedlungsbewegung, die im kulturellen Spannungs-feld von Jugendbewegung², Lebensreformbewegung³ und völkischerBewegung anzusiedeln ist. Viele Aspekte ihrer Zivilisationskritik undihrer sozialen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Thesen sind vonder westlichen Welt mittlerweile verinnerlicht worden. Mit ihren Sied-lungsprojekten beeinflußt sie darüber hinaus die westliche Gesellschaft bisheute. Selbst einige ihrer frühen Gründungen aus der Zeit um 1900 exi-stieren noch.
Dabei ist die Siedlungsbewegung nicht etwa nur als Reflex der Groß-stadt oder als rein reaktive Gegenmaßnahme anzusehen, sondern sie bildetein Konglomerat zwischen rückwärtsgewandter Vormoderne, alternativerModerne und visionärem Fortschrittsglauben. Die folgende Skizze will