Ursula Hemetek, Wien
161
Minderheitenkulturen
Dörfer in der Stadt?
1. Der Forschungsansatz: musikalische Minderheitenforschung
Ich vertrete seit mehreren Jahren einen Forschungsansatz, der sich nun-mehr immer mehr als Forschungsrichtung herauszukristallisieren und zuetablieren beginnt. Ich möchte ihn einmal ,, musikalische Minderheitenfor-schung" nennen; er hat mehrere Wurzeln: Die Volksmusikforschung, dieEthnomusikologie und den komplexen multidisziplinären Bereich Minder-heitenforschung. Ethnomusikologie insofern, als es sich um Fremdes han-delt, Volksmusikforschung insofern als es sich in Österreich, sozusagenvor der Haustüre abspielt, Minderheitenforschung insofern, als eine mög-lichst komplexe Wahrnehmung angestrebt wird. Grundsätzlich werden inden Fächern Volksmusikforschung und Ethnomusikologie musikalischePhänomene unter Berücksichtigung der historischen, ethnologischen undsoziologischen Voraussetzungen untersucht. In der Minderheitenforschungspielen die historische, die politische und die rechtliche Komponente einewesentliche Rolle.
Letzteres ist für die„ musikalische Minderheitenforschung" deshalbnotwendig, weil es sich bei Minderheiten in der von mir gebrauchten Defi-nition, die eine soziologisch- politische ist, um Gruppen handelt, die aufGrund ihrer ethnischen, sozialen oder religiösen Zugehörigkeit Diskrimi-nierung erfahren. Hierzu gehören die gesetzlich anerkannten Volksgruppenebenso wie MigrantInnen und Flüchtlinge, homosexuelle Männer undFrauen, Behinderte usw. Diskriminierung ist politisch als Ausschluß vonbestimmten Rechten zu sehen, sozial als die Erfahrung von Vorurteilen undAusgrenzungen'.