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Urbane Welten : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1998 in Linz
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Klara Löffler, Wien

Die Volkskunde der Anderen

( Urbaner) Habitus und( teilnehmende) Beobachtung

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Als im Februar des Jahres 1998 der österreichische Wissenschafts-minister Caspar Einem in einem neuerlichen Anlauf zur Hebung der Qua-lität von Forschung und Lehre verkündete, daß man in Zukunft Lehrver-anstaltungen durch teilnehmende Beobachter" überprüfen lassen wolle,konnte die Empörung an den Universitäten kaum größer sein. In derAblehnung schien man sich einig: Da ging es nicht um die Verbesserungder Situation, da sollte ein Spitzelsystem aufgebaut werden, da würde einstrukturelles Problem personalisiert.

Doch sei mir hier die Spekulation erlaubt, ob es nicht womöglichaußerdem noch andere Gründe waren, die zu dieser Reaktion geführt hat-ten. Immerhin war in den diversen Verlautbarungen von teilnehmendenBeobachtern" die Rede, die zum Zwecke der Leistungsüberprüfung losge-schickt werden sollten. Besonders in den Kultur- und Sozialwissenschaf-ten, wo die teilnehmende Beobachtung seit den siebziger Jahren auf derWerteskala qualitativer Verfahren immer höher gerückt ist und als Feldfor-schung zu den Initiationsritualen der wissenschaftlichen Gemeinschaftgehört, mußte eine solche Begriffs- oder sei es nur eine solche Wortwahlirritierend, ja geradezu blasphemisch wirken. Ist es doch eben dieses Beob-achtungsverfahren, das die ,, Teilnahme an den alltäglichen Lebenszusam-menhängen der Beforschten", so die Definition in einer der gängigstenMethodenlehren, zum Programm macht, das der Lebenspraxis verpflichtetist und eine gewisse Emphase bei den Forschern und Forscherinnen vor-aussetzt. Es war somit das ureigenste, jedenfalls eines der empfindlichsten