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Waltraud Müllauer- Seichter, Madrid
Urban Anthropology im spanischen Raum:zum gegenwärtigen Stand
Historischer Rahmen: Spezifische Situation im spanischen RaumIn diesem Beitrag möchte ich mich- wie schon aus dem Titel hervorgehtauf die Methodendiskussion und deren praktische Umsetzung in der urbanenForschung in Spanien konzentrieren. Im Gegensatz zum eher kurzen Bestehender Kulturanthropologie als eigenständige Disziplin( wir können hier etwavom Jahre 1968 mit Anfängen in Madrid ausgehen), läßt sich ein starkes Inter-esse an dieser Strömung bereits relativ früh, ab Ende der siebziger bzw. Beginnder achtziger Jahre, bemerken. Seine Erklärung findet dieses( im Verhältnis zuanderen europäischen Ländern) scheinbar„, schnelle Reagieren" unter ande-rem in der spanischen Ausbildungssituation, auf die ich in der Folge nochzurückkommen werde.
Ich möchte vorerst kurz auf die historischen Gegebenheiten dieserJahre eingehen: nach den Bürgerkriegswirren 1936 bis 1939, deren Endedie Diktatur Francos einleitete, befinden wir uns ― wenn wir unszunächst auf die erste Phase von 1939 bis etwa 1965 konzentrieren- ineinem Klima starker politischer Repression. Der Wissenschaftsbetriebwird zwar neu geordnet, funktioniert ab nun jedoch im„ Dienste des Staa-tes" Was die Anthropologie betrifft, so bleibt sie in jenen Jahren imBereich der physischen Anthropologie und der Folklore verhaftet; die The-menwahl der Studien wird selektiert und zensuriert. In einem so rauhenKlima, das wissenschaftlichen Fortschritt im eigentlichen Sinne verhin-dert, zieht jener Teil der Intelektuellen des Landes, der nicht schon auspolitischen Gründen während der Kriegsjahre das Land verlassen hat, dasExil, großteils in Amerika, aber auch in Frankreich und England, den hei-mischen Verhältnissen vor. Die meisten Vertreter der Richtung kehren erst