Herbert Nikitsch, Wien
Wie es den Volkskundlern bei denStadtleuten erging
Anmerkungen zur österreichischen Stadtvolkskunde
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,, Ich habe das Merkwürdigste gesehen, was die Welt dem staunendenGeiste zeigen kann, ich habe es gesehen und staune noch immer- nochimmer starrt in meinem Gedächtnisse dieser steinerne Wald von Häusernund dazwischen der drängende Strom lebendiger Menschengesichter mitall ihren bunten Leidenschaften, mit all ihrer grauenhaften Hast der Liebe,des Hungers und des Hasses- ich spreche von London." Es ist HeinrichHeine, der hier 1828 von der Stadt, von der Großstadt London ― vom,, Urbanen" seiner Zeit schlechthin also- spricht, und das in einer Diktion,die einem fachgeschichtlichen Rückblick auf das Thema dieser Tagungnicht ganz unangemessen ist. Zitiert wird er hier jedoch vor allem wegender Folgerung, die er aus seinen Eindrücken zieht:„ Schickt einenPhilosophen nach London, bei Leibe keinen Poeten! Schickt einenPhilosophen hin und stellt ihn an eine Ecke, er wird hier mehr lernen, alsaus allen Büchern der letzten Leipziger Messe,[...] die verborgenstenGeheimnisse der gesellschaftlichen Ordnung werden sich ihm plötzlichoffenbaren, er wird den Pulsschlag der Welt hörbar vernehmen und sicht-bar sehen[...] Aber schickt keinen Poeten nach London! Dieser bare Ernstaller Dinge, diese kolossale Einförmigkeit, diese maschinenhafteBewegung[...] erdrückt die Phantasie und zerreißt das Herz. Und wolltetihrgareinen deutschen Poeten hinschicken, einen Träumer, der vor jedereinzelnen Erscheinung stehen bleibt[...]- o! dann geht es ihm erst rechtschlimm..."