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Netzwerk Volkskunde : Ideen und Wege ; Festgabe für Klaus Beitl zum siebzigsten Geburtstag
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Zwischen Vielfalt und Beliebigkeit

Zum Wandel des kulturellen Systems Wallfahrtin der postindustriellen Gesellschaft¹

Helmut Eberhart

,, Startschuß zur, Wallfahrt der Vielfalt" 2 schrieb eine Österreichische Tageszei-tung zu Beginn eines Ereignisses, das am 7.und 8. September 1996 auf Einladung derÖsterreichischen Bischofskonferenz in Mariazell stattfand. Das mediale Interesse galtdabei nicht dem Begriff Wallfahrt, sondern dem Umstand, daß bei dieser Veranstaltungüber die Zukunft der katholischen Kirche in Österreich diskutiert werden sollte. Diese,, Wallfahrt der Vielfalt" steht demnach hier als Metapher für ein pluralistisches Denkeninnerhalb einer einigen katholischen Kirche. Zugleich ist sie aber- zumindest unge-wollt- auch Ausdruck einer pluralistischen Verwendung des Wallfahrtsbegriffes, derin diesem Fall die Einladung der Bischöfe an die Gläubigen zu Gesprächen über dieZukunft der österreichischen Kirche am berühmtesten Wallfahrtsort des Landes ein-schließt. Ein Ereignis, das auch überall anders hätte stattfinden können, wird durch dieWahl des Ortes zur Wallfahrt stilisiert.

1 Die Grundzüge des nachstehenden Textes wurden unter dem Titel ,, Aspects of and Thoughts about PilgrimageToday on the Example of Mariazell" als Vortrag im Rahmen der SIEF- Konferenz ,, Folk Religion- Continuityand Change" 1996 in Chaves( Portugal) gehalten.

Der Begriff ,, postindustrielle Gesellschaft" wird hier im Sinne von Daniel Bell verwendet, der damit ,, in ersterLinie die Änderungen in der sozialen Struktur" meint( Bell, Daniel: Die nachindustrielle Gesellschaft. Frankfurtam Main/ New York 1985, S. 30); m.E. ist diese Änderung, die auch einen starken Bedürfniswandel nach sichzieht, auch von zentraler Bedeutung für die gegenwärtigen Prozesse im Wallfahrtsgeschehen. Es waren Viktorund Edith Turner, die meines Wissens als erste in einer weniger rezipierten Studie expressis verbis einenZusammenhang zwischen Wallfahrt und ,, postindustriellen Gesellschaften" herstellten: Turner, Viktor undEdith: Apparitions, Messages and Miracles: Postindustrial Marian Pilgrimage. In: Dies.: Image and Pilgrimagein Christian Culture. Oxford 1978; vgl. auch dies.: Postindustrial Marian Pilgrimage. In: Preston, James( Hg.):Mother Worship. Chapel Hill 1982, S. 145-173. Die Turners verwenden den Begriff, um Marienerscheinungs-orte als spezifische Form von Pilgerzentren vor dem Hintergrund historischer und sozialer Veränderungen zuuntersuchen.

2 Kleine Zeitung, 3. September 1996, S. 11.

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