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Netzwerk Volkskunde : Ideen und Wege ; Festgabe für Klaus Beitl zum siebzigsten Geburtstag
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Vom Garten Gottes zur RitualbracheBemerkungen zur religiösen Praxis im SüdwestenFrankreichs im Jahrhundertvergleich

Paul Hugger

Der Titel dieser Studie verwendet Bilder aus der dichterischen und der bäuerlichenSprache. Beide Sprachebenen eignen sich für die Region, mit der sich die Untersuchungbefaßt: Die Gascogne ist ein Land der Poesie, der Académies des Jeux Floraux, wie sie vorallem im Mittelalter und in der Renaissance blühten', wobei die Wertschätzung für dieDichtkunst bis heute nicht ganz erloschen ist. Die Gascogne ist aber auch eine bäuerlichgeprägte Landschaft geblieben, mit wenig Industrie und geringem Urbanisierungsgrad. EinGarten Gottes muß die Gegend gewesen sein, bevor eine maschinell betriebene Landwirt-schaft viele Hecken und Baumgruppen wegrationalisierte und damit in die leicht gewellteLandschaft eine gewisse, allerdings regional unterschiedliche Monotonie brachte. Einmodernes Charakteristikum ist schließlich die Ackerbrache, die infolge des Agrardiktatsvon Brüssel wieder üblich ist, um Ernteüberschüsse zu drosseln.

Was für das landschaftliche Erscheinungsbild zutrifft, gilt im übertragenen Sinnauch für das religiöse Leben. Die einstige Blüte ist einem Kümmerdasein gewichen,wie wir es im zentralen und östlichen Teil Europas( noch) kaum kennen. Grundlagedieser Untersuchung bildet ein Manuskript im Format eines Schulheftes, zwischen zweiblau- überzogene Kartondeckel gebunden, das ich vor ein paar Jahren bei einemAntiquar der Region erworben habe.² Es trägt den Titel, Coutumier de l'égliseparoissiale de Gimont". Der Innentitel lautet ausführlicher: ,, Coutumes et Usages del'Eglise paroissiale de Gimont Consacrée sous le Vocable de L'Assomption de laBienheureuse Vierge Marie. Patrons secondaires: St. Nicolas de Myre et Ste Catherine,Martyre." Auf der Rückseite des Titelblattes ist vermerkt: ,, Ce Coutumier a été rédigépar Mr. de Lavigne curé- Doyen de cette paroisse, chanoine honoraire, et écrit par Mr.

1 In Gimont selbst, von dem diese Studie handelt, wohnte der Dichterarzt Guillaume Ader( 1578-1640), der daslokale Leben beschrieb, z.B. in Lou Catoumet Gascoun( 1611).

2 Das Original wurde im Sommer 1998 dem Stadtarchiv von Gimont übergeben.

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