WOLFGANG KASCHUBA
denn die Grundprinzipien von Demokratie und Marktwirtschaft verlieren ohne densystemischen Distinktionsprofit aus dem permanenten Ost- West- Vergleich, der bestän-dig zu den eigenen Gunsten ausging, deutlich an Leuchtkraft. Nicht einmal die deutscheVereinigung vermochte aus der Chance der besten ,, postsozialistischen" Ausgangspo-sition der DDR neue gesellschaftliche Energien zu gewinnen. Vielmehr ist ein wech-selseitiges Sich- Verschanzen in Befindlichkeiten zu konstatieren, die nach rückwärtsschielen und die sich nur zwangsweise und einseitig zum Dialog öffnen, eben geradeeinmal dort, wo die unterschiedlichen politischen Macht- und wirtschaftlichen Res-sourcenverteilungen dazu zwingen. So wie sich westdeutschen Augen vielfach erst inder neuen Gemeinsamkeit das Ostdeutsche als ein ,, Fremdes" entpuppt, so wird invielen ostdeutschen Köpfen alles Nichteigene zum bedrohlichen ,, Fremden", dasabgewehrt und bekämpft werden muß, um eigenes gesellschaftliches Überleben ver-meintlich zu sichern.
Schließlich kündigte sich uns auch das ,, Ende der Geschichte" im Posthistoire an.Dessen Diagnose sah für weltgeschichtliche Entwicklungen keine Entfaltungsdimen-sionen mehr außerhalb der bereits festgetretenen Pfade, nur noch eine unausweichliche,geschichtlich bereits festgeschriebene Vereinheitlichung der Politik- und Wirtschafts-systeme, der Kulturen und Lebenswelten. Mag sein, daß sich dahinter ein in seinenAnsatzpunkten richtiger Hinweis auf die substantielle Perspektiven- und Legitimati-onskrise geschichtlich orientierten Denkens in unserer Zeit verbarg. In seiner Argumen-tationsstrategie jedoch repräsentiert sich darin eine Denkfigur, welche die Pluralität dergeschichtlichen Entwicklung und vor allem den utopischen Gehalt der Gegenwartverneint. Utopie, dieses zentrale Motiv der Gesellschaftsphilosophie der Moderne,erwuchs stets aus der Spannung zwischen geschichtlichem Erfahrungsraum und gesell-schaftlichem Erwartungshorizont- ein Begriffspaar des deutschen Historikers Rein-hart Koselleck. Mit dem Posthistoire nun wurde dieses Motiv gelöscht, nicht nur imSinne einer negativen, sondern letztlich in dem einer gar nicht mehr denkbarenutopischen Dimension. Damit aber war wohl entweder schon wieder zu viel oder nochzu wenig gesagt, um unser geschichtliches Denken von seiner eigenen Überflüssigkeitzu überzeugen. Und so sollten wir es wohl beibehalten- in neuer Selbstreflexivität.
Zu guter Letzt treffen uns nun Prognosen wie die jenes finalen ,, clash of civilisa-tions" des amerikanischen Weltdeuters Samuel Huntington. Seine Sichtweise gründet-stellvertretend für viele ähnlichen- auf der Vorstellung, daß sich ganze ,, Wertereiche"auf religiöser und ideologischer Grundlage im globalen Feld in Fehde und Krieggegenüberstehen werden, daß sich grundlegende Überlebensgedanken der Menschheitin ihrer kulturellen Unterschiedlichkeit als unvereinbar erweisen könnten. Ein auf denersten Blick vielleicht beeindruckendes Bild, dessen Pessimismus und Dramatik dieMedien auch sogleich begeistert aufgenommen haben. Doch ein auf den zweiten Blick
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