Wendezeiten und ZeitenwendeIntellektuelle Passagerituale
Wolfgang Kaschuba
Für die Volkskunde verspricht das Jahr 1999 zweifellos ein besonders interessan-tes und ertragreiches zu werden. Es ist nämlich eine intensive ,, Zeit des Erinnerns"angesagt und dies gleich in mehrfacher, freilich auch sehr unterschiedlicher Hinsicht.Zum einen sind im Fach vor der Zeitenwende noch einige runde Geburtstage zu feiern,zu denen herzlichst zu gratulieren und an denen stolz Rückschau zu halten ist aufgemeinsam gegangene Wege und individuelle Leistungen. Die Rites de passage dürfenhier aus vollem Herzen begangen werden und sollen zu ihrem vollen Recht kommen.Zum andern stehen gesellschaftliche Rückblicke auf der Tagesordnung, aus derenAnlaß die Volkskunde ihrerseits wiederum Gelegenheit hat, andere bei ihrem gesell-schaftlichen Erinnern und Feiern zu beobachten; und dies tun wir ja professionell gerne.So gibt es zehn Jahre nach 1989 etwa reichlich Anlaß zum Nachdenken darüber, wiesich seit dem ,, Ende des Sozialismus“ Gesellschafts- und Machtordnungen veränderthaben, was ein ,, neues Europa" künftig bedeuten soll. Und vor allem befinden wir unsnatürlich im Vorjahr jenes ,, magischen Datums" 2000, an dem eine neue Zeit- wennnicht gar eine neue Weltordnung beginnen soll.
Das erste ist also zu tun: zu feiern. Über das zweite, das ,, magische Datum", dievermeintliche Epochenschwelle ist zu reden; und wie es sich für die Volkskunde gehört,beginnend mit dem Alltag. Denn allein schon die Vorstellung, daß jedes Briefdatumdann die Jahreszahl 2000 tragen wird( oder schreibt man dann das Kürzel ,, 00"?), istirritierend genug, weil sie sich damit bereits im voraus als eine ,, historische Zeit“geriert. Dies jedenfalls verspricht, daß uns diese neue Zeit in der Tat wohl alltäglichsehr bewußt bleiben wird. Und dies versprechen uns im übrigen auch die Horrorszen-arien, die uns Kenner der Computer- und Kommunikationstechnologie bereits an dieWand malen, wenn sie den drohenden Zusammenbruch ganzer Datenverwaltungssy-steme prognostizieren, weil manche Computersoftware das Jahr 2000 stellenmäßignicht erfassen, mit dem Jahr 00 aber nichts anfangen kann. Bezeichnend daran scheintimmerhin, daß diese Computer uns vor 15 oder 20 Jahren zwar die Zukunft einläuten
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