Was man so hat
Lokale Produktion, Bräuche und Identitätsrepräsentation
Konrad Köstlin
Ins Material hineinsehen
Was man so hat- das ist, meist anders formuliert und oft unausgesprochen, einLeitgedanke vieler volkskundlicher Darstellungen gewesen. Häuser sind mit denvorhandenen Materialien, mit Schiefer, Roggenstroh, Reet oder Schindeln gedeckt,sind aus dem zuhandenen Holz oder Stein gebaut worden, und harte oder weicheDachdeckung, Holz- oder Steinbau sind in ihren verschiedenen Kombinationen be-schrieben worden. Solche Zusammenschau wurde gelegentlich in allzu plausiblerKausalargumentation überfolgert. Jedenfalls: Die Verwendung regionalspezifischerMaterialien hat das Bild, das wir uns von den verschiedenen Regionen machen,nachhaltig geprägt, und zweifellos gibt die Eindeckung der Dächer mit grauem Schiefereiner Landschaft eine andere Charakteristik als die rotbunte Dachlandschaft aus Zie-geln, wie man sie von Luftbildern südländischer Städte in den Reisemagazinen derFluggesellschaften' oder von opulenten Bildbänden² kennt; und die„, weiche" Ein-deckung mit Roggenstroh oder Reet kann den Anschein erwecken, die Häuser ducktensich in der Landschaft, mit der sie dann zu einer Einheit zu verschmelzen scheinen.
Was man so hat- darüber und über den Zusammenhang mit dem so entstandenenLandschaftsbild ist viel spekuliert und nachgedacht worden. Nicht nur in den klimao-rientierten Theorien des 18. und 19. Jahrhunderts³, auch in modernen Bewegungen, diesich einem ,, naturnahen" Leben verschrieben haben, hat man Überlegungen angestellt.Als auffällig sind dabei häufig auch lokale Fertigkeiten registriert worden, die man
1 Skylines, Magazin der Austrian Airlines, 1/98.
2 Lammerhuber, Lois, Alexander Smoltczyk: Das Dach der Welt. Seine Geschichte, seine Magie, sein Gesichtund seine Sprache. Baden 1998.
3 Könenkamp, Wolf- Dieter: Natur und Nationalcharakter. Die Entwicklung der Ethnographie und die früheVolkskunde. In: Ethnologia Europaea 18( 1988), S. 25-50.
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