Volkstracht als Zeichen nationaler Identifikation undAbgrenzung
Hana Dvořáková
Seit genau einem Jahrzehnt können Betrachtungen- und nicht nur sie- über denZustand unseres Faches im Kontext mit dem Geschehen in den Nachbarländern wiederohne jene Barrieren geführt werden, die unterschiedliche Staatsideologien innerhalbder Länder Zentraleuropas lange Zeit errichtet hatten. Unmittelbar nach dem Fall desEisernen Vorhangs im Jahre 1989 wurden seitens der führenden Persönlichkeiten derVolkskunde auf österreichischer wie auf tschechischer Seite Zeichen zur Erneuerungunterbrochener Kontakte, zur Anknüpfung an die mit den Anfängen des Faches inbeiden Ländern verbundenen Traditionen gesetzt. An der Tatsache, daß die musealensowie akademischen Arbeitsstätten Österreichs, Böhmens und Mährens gegenwärtiguntereinander lebhaft kommunizieren sowie an der Herausbildung dieses Netzes hatHofrat Prof. Klaus Beitl einen wesentlichen Anteil. Dank der freundlichen Atmosphäre,die er zu schaffen wußte, konnte eine neue Generation von Volkskundlern Fachkontakteknüpfen.
An der Jahrtausendwende kommen wir also zu jener Situation zurück, die Endedes 19. Jahrhunderts in unserem Fach herrschte: Unter den Mitgliedern des neuentstandenen Vereins für Volkskunde befanden sich auch mährische Heimatkundler.Ebenso gehörten zu den Grundlagen der Sammlungen des Franzensmuseums in Brünnselbstverständlich neben Belegen der mährischen Volkskultur auch Belege des Lebensder deutschsprachigen Minderheit in demselben Gebiet. Dieser Zustand wird am bestendurch Schlüsselgegenstände in zentralen Museumssammlungen der beiden Länderillustriert – im Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien und im MährischenLandesmuseum in Brünn. Unter Inventarnummer 1 wurde im Österreichischen Muse-um für Volkskunde eine aus Iglau stammende Lederhandtasche eingetragen. Das,, Prachtstück" der Brünner Sammlung stellt der berühmte„ Kaiserpflug" dar, mitwelchem der österreichische Kaiser Joseph II. während seiner Inspektionsreise durchMähren eigenhändig pflügte. 1895 wurden für die größte Veranstaltung der tschechi-schen Volkskunde, die ,, Tschecho- slawische ethnographische Ausstellung", zahlreiche
391