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Netzwerk Volkskunde : Ideen und Wege ; Festgabe für Klaus Beitl zum siebzigsten Geburtstag
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ZUR SACHE! MATERIELLE KULTUR UND INTERKULTURELLE KOMMUNIKATION

b) Zum andern werden Dinge im Alltag als Symbole in Kommunikationsprozesseeingebunden. Dieser Austausch von materiellen Zeichen zwischen Personen oderGruppen ist in allen Kulturen anzutreffen. Der hohe Zaun und die Hausfassade, dieBirkenstock- Sandalen und das Palästinenser- Tuch, der Blumenstrauß und das Gastge-schenk, der Ehrenplatz für den Gast und das Abendessen im Restaurant- sie alle weisenüber sich selbst hinaus und teilen den Adressaten etwas mit über Prestige und Status,Wertschätzung und Ablehnung, Unterordnung oder Dominanz, politische Einstellun-gen u.a.m. Voraussetzung ist freilich die Kenntnis des in der jeweiligen Kultur gelten-den Codes, die Fähigkeit zum Entschlüsseln des in und mit den Dingen ,, gemeintenSinns". Dieses ist bei Adressaten der gleichen Kultur oder Sozialschicht in der Regelauch gegeben, da sich Sender und Empfänger eines gemeinsamen Vorrats an Zeichenbedienen, die gleiche, Sprache der Dinge' kennen. Ist dieses nicht der Fall, so wird diebeabsichtigte Botschaft nicht vermittelt oder aber es wird eine nicht beabsichtigteBotschaft empfangen. Die resultierenden Fehlattributionen und Mißverständnisse sinddeshalb so schwer aufzuklären, weil die Symbolik der Dinge den Beteiligten meistunhinterfragte Selbstverständlichkeit ist und deswegen eine andere Zuweisung vonDing und Bedeutung, die einer fremden Logik folgt, als befremdlich oder zumindestüberraschend empfunden wird.

Ein kleines Beispiel mag die symbolische Aufladung von Dingen verdeutlichen.Unter den Vordächern von Bauernhäusern sieht man oft Brennholz, das viel sauberergespalten und aufgeschichtet ist, als für den Verwendungszweck erforderlich. DieBauern tun dies ,, wegen der Leute im Dorf", denn so sauber, wie das Holz aufgeschich-tet sei, so sauber sei auch die ganze Haushaltsführung. Das geschichtete Holz stehtsomit als Zeichen für die sozialen und kulturellen Werte Sauberkeit und Ordnung, undes wird von den Einheimischen auch unter genau diesem Aspekt, gelesen. Analogesgilt für moderne städtische Gesellschaften, wie nicht nur Veblen47, Bourdieu48 undFussell49 mit vielen Beispielen belegt haben, sondern wie auch Humphrey 50 für dieneuen Eliten Rußlands und ihre überaus aufwendigen Villen herausgearbeitet hat.

46 Graf, Dieter: Point It. Picture dictionary with miniatlas. Bildwörterbuch mit Miniatlas. München, D. Graf, 1992.47 Veblen, Thorstein: The Theory of the Leisure Class. An Economic Study of the Evolution of Institutions. New

York 1899.

48 Bourdieu, Pierre: La distinction. Critique social du jugement. Paris 1979[ dt.: Die feinen Unterschiede. Kritikder gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main, Suhrkamp,' 1997].

49 Fussell, Paul: Cashmere, Coctail, Cadillac- A Guide Through the American Status System. New York,Touchstone, 1983.

50 Humphrey, Caroline: The Villas of the, New Russians': A sketch of consumption and cultural identity inpost- Soviet landscapes. In: Focaal 30/31( 1997), S. 85-106.

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