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Netzwerk Volkskunde : Ideen und Wege ; Festgabe für Klaus Beitl zum siebzigsten Geburtstag
Entstehung
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VOLKSKUNST

Jahre alten Bauernbuntheit. Sie erhielt damals eine farblich wohl abgestimmte Fassa-denkombination durch Emanuel von Seidl, einen der führenden späthistoristischenMünchner Architekten. Aus deren Kreisen entstanden in jenen Jahren der, Heimat-schutz", die ,, Heimatmuseen" und die Zeitschrift ,, Schönere Heimat" in Bayern. Dieswaren lauter volkserzieherische Ambitionen für die Augen von Städtern auf Ländliches,von Fremden auf Einheimisches. Allen Beteiligten sollten die neuen optischen Vorstel-lungen von Volkstümlichkeit in Fleisch und Blut übergehen, und zwar populär imVerständnis von volkhaft, wie man zu sagen begann im Anschluß an die literarischenDenkvorbilder, die damals( vor hundert Jahren) selbst schon hundert Jahre alt waren.

Auch in Norddeutschland ging um 1900 die reformerische Theorie in denkmal-pflegerische Praxis über. Der Kunsthistoriker Edmund Meier- Oberist gründete inHamburg 1926 einen ,, Bund zur Förderung der Farbe im Stadtbild e.V.". In jenenzwanziger Jahren hat die Farbenindustrie, unterstützt oder angeführt von Fachzeit-schriften wie der ,, Deutschen Malerzeitung. Die Mappe des Verlages Callwey inMünchen, parallel zu dessen bekannterem ,, Kunstwart" gezielt für Handwerker Modeund Geschmack inszeniert. Bis in den hinteren Odenwald sind damals Häuser auf demLande knallbunt angestrichen worden, blau vor allem, aber auch rot, wie wir das erstheute wieder in den Städten kennen. Es wurde der auf den Expressionismus zurückge-hende ,, offizielle progressive Stil der Weimarer Republik( Knoth 1992). Nach 1933verschwanden die allzubunten Anstriche wieder aufgrund von Reglementierungendurch die Kreisbaumeister. Die Abwertungsvokabel hieß nun ,, Narrenkleid. Damalsist auch bei den Möbeln der nach dem Zweiten Weltkrieg noch so beliebte beigeSchleiflack in die Leute hineingepredigt worden, um darum für meine Generation alsbesonders spieẞig zu gelten, gar als kleinbürgerlich, jedenfalls für nicht goutierbardurch eine informierte Geschmackskultur des ab 1945 nachgeholten Bauhauses.

Was ich mit all diesen Andeutungen sagen will: Unser aller Menschen Sicht derDinge, auch die Sicht der angeblich Wissenden, der Wissenschaftler, ist vornehmlichauf dem Felde der Ästhetik, das heißt der ästhetischen Urteile, höchst zeitgebunden.Wir leben von und mit historischen Konstrukten. Intensive Farbigkeit, z.B., also dasbesonders Bunte, das Poppige, wie man heute sagt, und damit die Popart unbewußtzitiert, die sich bekanntlich von popular, volkstümlich, das heißt von der amerikani-schen Werbung ableitet, dieses Poppige ist nicht eo ipso Volksausdruck oder Unter-schichtengeschmack, sondern über alle Epochen hinweg, wechselnd verbreitete ästhe-tische Mode gewesen. Nach den dünnblütigen Klassizismen der NS- Kunstdoktrinhielten die durch den Krieg heruntergekommenen Deutschen die für ihre Begriffe grellgeschminkten Amerikanerinnen aller Altersklassen in ihren bunten Mänteln für äußerstgeschmacklos. Das können sich heutige Jugendliche überhaupt nicht mehr vorstellen.Umgekehrt ist deren gegenwärtige Vorliebe für bloßes Schwarz eine typische Reaktion

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