Von Volks- und Alltagskultur zu Zivilisation
Zur Geschichte des Musée national des arts et traditionspopulaires( Atp) in Paris
Nina Gorgus
Wilde Schlagzeilen in der Presse begleiten das Pariser Volkskundemuseum Atpseit Beginn der neunziger Jahre. Da wurde ein ,, Dornröschenschlaf" diagnostiziert, indem sich die Institution angesichts der niedrigen Besucherzahl befände; als Mausoleumseines Gründers Georges Henri Rivière wurde es bezeichnet, als ,, Königreich derSpitzenhauben und des Pfluges".
Je näher die Jahrtausendwende rückt, scheint man nun für die von allen Seitenkritisierte Institution eine Lösung gefunden zu haben. Wie diese aussieht und wie derWeg bis dahin aussah, soll hier beschrieben werden.'
I.
Als das Atp am 1. Mai 1937 gegründet wurde, gab es einige regionale Museen,wie das Musée Arlatan in Arles oder das Musée Alsacien in Straßburg, die sich derländlichen Kultur widmeten. Eine nationale Institution existierte im zentralistischenFrankreich indes nicht. In Paris waren bislang volkskundliche Objekte wie bretonischeTrachtenfigurinen im völkerkundlichen Museum, im Musée d'Ethnographie, unterge-bracht gewesen. Im Zuge dessen Neugestaltung zu Beginn der dreißiger Jahre beschlos-sen Leiter Paul Rivet und sein Assistent Georges Henri Rivière, das ,, Exotische Glossar ::: zum Glossareintrag Exotische",Außereuropäische, und das ,, Eigene" zu trennen und den französischen Objekten, die1884 auf Initiative französischer Folkloristen erstmals gezeigt worden waren, eineselbständige museale Einrichtung zu verschaffen. Geplant war, ein zentrales volks-
1 Ich verzichte auf Literaturangaben und weise völlig uneigennützig auf meine im Waxmann- Verlag Mün-ster/ New York 1999 erscheinende Dissertation ,, Der Zauberer der Vitrinen. Zur Museologie Georges HenriRivières" hin.
229