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Kultur und Volk : Beiträge zur Volkskunde aus Österreich, Bayern und der Schweiz ; Festschrift für Gustav Gugitz zum achtzigsten Geburtstag
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EIN MITTELALTERLICHES VOTIVPFERD AUS NIEDERBAYERN

VON GISLIND RITZ

Als 1929 in der reizvoll auf einem Hügel unweit Frontenhausen ge-legenen Wallfahrtskirche St. Corona ¹) eine vermauerte Nische geöffnetwurde, sah man die alte Volksüberlieferung, die von verborgenen Tonwarenerzählt hatte, bestätigt. Die Höhlung, in dem Mauerstück zwischen der Kan-zel und dem östlichsten Nordfenster angebracht, barg eine ziemlich beträcht-liche Anzahl kleiner Tonplastiken, die in differierender stilistischer Erschei-nung und unterschiedlicher technischer Haltung einige wenige Motivtypenwiederholen: Menschenfigürchen, menschliche Körperteile und Gliedmaßlenund drei Arten von Tieren, Pferde, Rinder und Kröten 2). Diese Darstellungs-inhalte in Verbindung mit dem Fundort ließen eindeutig erkennen, daß essich um Votivgaben handeln mußte.

Eigentümlicherweise erfuhr dieser Fund keine besondere Beachtung.Abgesehen von einem kurzen Hinweis in den Ausführungen B. Spirk-ners über den Corona- Kult 3) und der Aufnahme einer Auswahl von Bei-spielen in die Bestände der Ausstellung Süddeutsche Volkskunst" München1937, die jedoch in deren literarischer Bearbeitung keine Erwähnung fanden,blieb das ganze reiche Material unausgewertet. Dies ist um so verwunder-licher, als allein schon die Tatsache, daß es sich ausschließlich um Tonwarenhandelt, diesen Fund aus der großen Masse der bayrisch- alpenländischenVotivgaben heraushebt. Ton als Material für Votivgaben ist sonst auf dieKopfurnenvotive, bzw. die in ihrem Vorstellungsgehalt aus ihnen sich redu-zierenden Kopfvotive Niederbayerns und auf einen Teil der ebendort auf-tretenden Votivlungen beschränkt.

Seine einmalige Bedeutung gewinnt der Altenkirchener Fund jedochvor allem durch das Alter gewisser Stücke. Wie bereits erwähnt, differierendie einzelnen Teile, bzw. die einzelnen Gruppen so stark und grundsätzlich,daß dies nicht allein durch unterschiedliche Herkunft bedingt sein kann,sondern auf nicht unbedeutende zeitliche Diskrepanzen zurückzuführen ist.Wenn sich auch so innerhalb des Fundes wenigstens eine gewisse relativeChronologie, die sich allerdings mehr auf allgemeinen Wesensvergleich, dennauf sichere stilistische Fixierung stützen muß, ergibt, so bedeutet dies abertrotzdem noch nicht die absolute Einordnung in den großen Ablauf der Stil-geschichte.

Der Altenkirchener Fund bietet aber in zwei Fällen auch noch die Er-füllung dieser letzten, für alle Schöpfungen der Volkskunst und gerade fürdie Votive, soweit sie nicht, wie manche Wachsvotive durch äußere Merk-male historisch gekennzeichnet werden, so schwer zu verwirklichende Mög-lichkeit. Unter seinen Beständen befinden sich zwei Stücke, deren künst-lerische Qualität so bedeutend und deren Gestaltungsprinzipien so aus-geprägt zeitbedingt sind, daß die Maßstäbe der gesetzhaften, stilistischenEntwicklung angelegt werden können.

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