Druckschrift 
Kultur und Volk : Beiträge zur Volkskunde aus Österreich, Bayern und der Schweiz ; Festschrift für Gustav Gugitz zum achtzigsten Geburtstag
Entstehung
Seite
237
Einzelbild herunterladen
 

DER WOLFGANGIKASTEN"

Ein neuentdecktes szenisches Figurentheater der Legende

vom hl. Wolfgang

VON FRANZ LIPP

Der berühmte Wallfahrtsort St. Wolfgang ist meinem Heimatorte unmittel-bar benachbart. Der Schafberg und die Farrenmauer ¹) ragen in seinenabendlichen Himmel und man braucht nicht allzu hoch zu steigen, erblicktman den Abersee, ja selbst den Kirchturm über dem Heiligtume. Ich weißnicht mehr, wie oft ich das Wolfgangerlandl durchwandert habe und wie oftich über den Falkenstein gezogen bin, dankbaren Gedenkens auch an MarieAndree- Eysn 2), Rudolf Kriss 3) und Gustav Gugitz 4), die das Eelebnissolcher Kultfahrten und nicht zuletzt das der Falkensteinwanderung so sehrvertieft haben.

Auf einer dieser Wanderungen gewahrte ich auch in St. Wolfgang ineiner Ausstellung, die den Titel, 500 Jahre Fremdenverkehr in St. Wolf-gang") führte, einen merkwürdigen alten Guckkasten, der mit bemaltenFlügeltüren wie ein Schrein zu schließen war. Im Innern ähnlich wie eineKrippe gebaut und zunächst wie eine solche anmutend, enthielt er aber nichtetwa die Darstellung der Geburt Christi, sondern wie seltsamer bargin sechs szenischen Bildern gereiht die Legende des heiligen Wolfgang. Daswar wohl eine freudige Überraschung! Die Frage nach Herkunft und Eigen-tum ergab, daß der Kasten" einem Wolfganger Bürger gehöre, der willenssei, ihn zu verkaufen und daß auch schon Angebote aus Bayern und derSchweiz dafür vorlägen. noch sei jedoch eine Chance für den Meistbieten-den zu vergeben. Hier galt es also rasch zuzugreifen, um diese einzigartigeBezeugung des volkstümlichen Heiligen der Heimat zu erhalten. Fürbittebei den oberen Landesbehörden wurde getan und der große Nothelfer half,die sonst so harten Felsen fiskalischen Widerstandes zu erweichen. In großemVerständnis und schierer Bereitwilligkeit stellte das Land Oberösterreich dienicht unbeträchtliche Kaufsumme zur Verfügung, und es möge nur als Erweisder immer noch fortdauernden Verehrung des Heiligen gelten, wenn amRande angemerkt wird, daß noch nach getätigtem Abschluß ein InnviertlerBauer die Kaufsumme um 1000 Schilling überbot, aus Sorge, das Wolfgangi-theater könnte am Ende doch über Umwege ins Ausland gelangen. DieserVerlust wurde also vermieden und das Stück den volkskundlichen Samm-lungen des o.-ö. Landesmuseums einverleibt 6).

Überlegt man, daß er an Tragriemen befestigt, am Buckel eines Mannesvon Kirchtag zu Kirchtag getragen wurde, hat der Wolfgangikasten" be-trächtliche Ausmaße. Er ist 90 cm lang, 36 cm tief und 65 cm hoch und mag,schätzungsweise, 30 kg wiegen.

Auf den geschlossenen Flügeln des Schreines", so möchte man zunächstsagen( und denkt unwillkürlich an den größeren Bruder in der Wallfahrts-kirche), läßt der unbekannte Erbauer und Ausgestalter des Wolfgangikastens

237