SEBASTIANSPFEIL UND SEBASTIANSMINNE
Vergessene Wallfahrtskultformen aus der Pestzeit
VON FRANZ LESKOSCHEK
Zu den Heiligen, welche die älteren Generationen gegen die ver-heerendste aller Volksseuchen, die Pest, betreuten, gehören der hl. Rochusund der hl. Sebastian, die in der Kunst als Hauptvertreter des Pestpatronatswiederholt zusammen dargestellt wurden. Doch vor dem hl. Rochus hat derhl. Sebastian eine um rund tausend Jahre ältere Lebens- und Kultgeschichtevoraus. Nach der Überlieferung, die wahrscheinlich erst im 5. Jahrhundertschriftlich aufgezeichnet wurde und bereits mit vielen legendären, von derunglaublichen Wundersucht jener Zeit genährten Zügen ausgeschmückt ist,ist der hl. Sebastian einer der vielen Märtyrer der letzten großen Christen-verfolgung unter dem Kaiser Diokletian zu Anfang des 4. Jahrhunderts.Sein Verbrechen bestand darin, daß er Christ war und als Offizier der kai-serlichen Leibgarde in Rom die Christen bei der Verfolgung beschützte.Dafür sei er, erzählt die Legende, durch Bogenschützen erschossen und, alssein Körper unter der Pflege einer frommen Matrone gänzlich unerwartetnoch einmal genesen war, schließlich mit Keulen erschlagen worden. Schonder älteste christliche Kalender, der sogenannte Chronograph vom Jahre354 n. Chr., nennt ihn mit dem Zusatz, daß er in der hochberühmten Kata-kombe draufen an der Appischen Straße, die seit alters seinen Namen trägt,sein Grab gefunden. Über seinem Grab aber erhob sich im 4. Jahrhunderteine Basilika, die noch heute zu den sieben Hauptkirchen der ewigen Stadtgehört. Als Helfer gegen die Pest wurde er schon im 7. Jahrhundert an-gerufen ¹), und im Jahre 680 wurde dem Heiligen in Rom zu San Pietro inVincoli ein Votivaltar errichtet, worauf die Pest erloschen sei 2). Man kamdarauf, ihn zum Patron gegen die Pest zu wählen, weil der Pfeil schon inder Vorstellung der Heiden Glossar ::: zum Glossareintrag Heiden wie der Juden- es sei an den 7. Psalm oder anHiob 6, 4 erinnert- das Sinnbild einer plötzlich kommenden Krankheit war,und weil die Pfeile, die den Heiligen hätten töten sollen, an ihm selbst nichtsauszurichten vermocht hatten. So sind es die in seinem nackten Jünglings-körper steckenden Pfeile, die für seine bildnerische Behandlung charakte-ristisch sind, obwohl diese Art seiner Darstellung erst im 15. Jahrhundertbeliebt wird, während er in den früheren Jahrhunderten fast nur als be-jahrter, bärtiger Mann in voller Tracht, gelegentlich als Offizier, und mitNimbus ausgezeichnet erscheint. In das 15. und 16. Jahrhundert fällt wohlauch das höchste Maß seiner Popularität, die er in Italien, Frankreich,Deutschland und Österreich bei allen Volksschichten gleicherweise genoẞt undin der er kaum von irgendeinem anderen Heiligen übertroffen wurde.
Wie in anderen Ländern, so wurde die Sebastiansverehrung auch inDeutschland und Österreich seit dem Spätmittelalter vor allem durch diekaritativen Pestbruderschaften getragen, die den Heiligen als ihren Schutz-patron verehrten, dessen Kult in Bayern, Steiermark und Wien, aber auch
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