Also verweist Gennep
befremdlicherweise ohne Bezug auf FelixLiebrecht, der ihm hierin schon 1863 vorangegangen war 85) aufbretonische Lieder, die genau den gleichen Gürteritus für eineKirche, allerdings mit einem weniger dauerhaften Material, mit Wachsfäden,dünnen Bandkerzen, erkennen lassen. Liebrecht hatte nämlich auf christlich-volksreligiöse Riten hingewiesen, in denen Menschen in Todesnot sich durchein Gelübde verpflichten, die Kirche des angerufenen Schutzheiligen mitWachsschnüren zu umziehen.
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Neun Söhne hatte eine Mutter durch die Pest verloren. Nun fleht sie zuGott, er möge sie ihr wiedergeben; sie wolle ihm dafür seine Kirche dreifachmit Wachs umziehen:„ Enterrez mes neuf fils, et je vous promets un cor-don de cire, qui fera trois fois le tour de votres murs" 86). Ähnlich rufteine schwangere Frau in Ertrinkensnot den hl. Mathurin an, er möge sieund ihr ungetauftes Kind retten. Auch sie verspricht, ihm dafür seinen Fried-hof und seine Kirche bis zum Kreuzesstamm dreifach mit Wachs zu gürten:Je vous donnerei une ceinture de cire,- Qui fera trois fois le tourde votre terre; Qui fera trois fois le tour de votre cimetière et de votrechapelle, Et trois tours à la tige du crucifix: Et viendra allumer surl'autel 87). Endlich erwartet der Jakobspilger Dom Jean Derrien, als er aufder Pilgerfahrt von einem Türken am Leben bedroht wurde, von seinemSchutzheiligen die Rettung. Er betont, daß er sich auf Pilgerfahrt befinde,also sozusagen seinen gerechten Anspruch auf den Schutz des Heiligen habe,dem er dann den ganzen Kirchenbereich ein- oder zweimal umgürten wolle.Wieder sollen die Enden am Kruzifixe angeknüpft werden:„ Monsieur SaintJacques le bienheureux,- Je voulais aller à votre maison: Je vous feraisun présent Qui sera beau, le jour de votre pardon. Je vous donneraiune ceinture decire,- Qui fera le tour de votre terre;- Le tour devotre maison et du cimetière, Et de toute votre terre bénite;- Qui feraune ou deux fois le tour de votre maison. Et viendra se nouer aucrucifix" 88).
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Gennep, dem diese bretonische Liedüberlieferung wohl bekannt war,vermag nach M. Sebillot's mündlicher Mitteilung beizufügen, daß dieserselbst noch ums Jahr 1863 solche dreifach wachsumzogene Kirchen in derGegend von Guingamp( nahe der bretonischen Nordküste, Dép. Côtesdu Nord) gesehen habe 89). Auch das muß natürlich nicht Devotion einesEinzelnen sein, sondern läßt sich als ein Gemeinschaftsopfer auffassen,etwa einer Familie, einer Stadt. Wenigstens neigt Gennep dazu, dies an-zunehmen. Er stützt sich dabei auf ein Beispiel aus dem modernen Syrien,dessen mohammedanische Glossar ::: zum Glossareintrag mohammedanische wie die christliche Bevölkerung sehr alte Volks-glaubensüberlieferungen bewahrt, die in einem geschichtlichen Angleichungs-vorgang islamisiert oder christianisiert worden waren. Darnach vereinigensich bei den libanesischen Katholiken im Falle eines öffentlichen Notstandesdie Familienoberhäupter vor einer Marienkirche. Jeder bringt ein StückStoff, aus Seide oder Baumwolle, je nach Habe und Freigebigkeit. Darauswird ein größerer Stoffgürtel verfertigt und in halber Höhe um die Kircheherum aufgehängt. Damit ist das Übel gebunden"( Le mal est lié) 90).
Durch diese Beispiele ist der Primat des Ritus( Gürtung) vor demMateriale( Eisen, Wachs, Seide, Wollstoff) deutlich erkennbar. Besondersjene bretonischen Lieder mit dem Motiv des Ex- voto- Wachsumzuges, aufdie, wie erwähnt, schon F. Liebrecht aufmerksam gemacht hatte, sprechen
12 Kultur und Volk
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