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DIE KETTEN UM DIE LEONHARDSKIRCHEN IM OSTALPENRAUMEKulturhistorische Beiträge zur Frage der Gürtung von Kultobjektenbalogist in der religiösen Volkskultur Europas
VON LEOPOLD KRETZENBACHER
Den Wanderer, der von den steirisch- kärntischen Waldbergen der Packalpeniedersteigt, einen der berühmtesten Wallfahrtsorte Innerösterreichs,St. Leonhard im Lavanttale zu besuchen, grüßt schon von weitemdie außerhalb des Marktfleckens hoch über dem Tale liegende gotischeKirche. Eine unter den Fenstern verspannte, den ganzen Bau umschließendeKette verleiht dem Gotteshause ein seltsames Aussehen( Tafel VII, Abb. 13und 14). Eine kettengegürtete Kirche. Aber sie ist nicht die einzige imKärntnerlande. Auch die Kapelle„ in der Höll" bei Friesach trägt einensolchen Gürtel. Auch sie ist dem vielverehrten Mönchsheiligen, dem Ge-fangenenerlöser und himmlischen Tierarzt St. Leonhard geweiht. Weiter imSüden umspannt auch das Leonhardikirchlein von Stocklitz bei Glanhofensolch eine Kette. Selbst damit ist die Reihe noch nicht beendet. Zumindestaus alten Sagen, Legenden und Bildern gar manch eines Kärntner Gottes-hauses könnte der Wanderer erkennen, daß es einst viel mehr Ketten-kirchen hierzulande gegeben haben muß; daß sie ausnahmslos dem hl. Leon-hard geweiht sind und in manchen Fällen erst vor etwa hundertfünfzigJahren ihren Kettenschmuck verloren haben; daß es schließlich auch anders-wo im weiten Ostalpenraume kettenumspannte Leonhardskirchen gibt undgab, freilich nur noch in Südtirol und in Altbayern so dicht gesät wie inKärnten.
Es ist selbstverständlich, daß diese Eigenart eines ungewöhnlichen Kir-chenschmuckes ihren besonderen Sinn haben muß. Freilich ist er der Gegen-wart, die so viele Bindungen an altes Sinngefüge in der Volkskultur ver-loren hat, nicht mehr geläufig. Auch deutet das Volk die Kirchenketten andersals die Wissenschaft, die sich seit langem mit ihrer Herkunft, ihrem Wesenund den Gründen ihrer Beschränkung auf St. Leonhards Heiligtümer befaßt.
Doch rechte Wissenschaft vom Volke soll vom Lebendigen ausgehen unddieses in seiner geschichtlichen Tiefe und in seiner räumlichen Weite ver-folgen. Sie soll das Nahe, das Vertraute beim Erbgut der Heimat im Spiegelder Weite und Fremde anderer Kulturen erkennen und so den geistigen Ortdes Eigenen an den Überlieferungsformen der anderen bestimmen.
So wollen auch wir den Kärntner Volksmund befragen und in der Um-schau über die Ostalpen und ihre Vorlande auch die anderen Kettenkirchenbesuchen. Nach Möglichkeit sollen hiezu Historie und Kunstgeschichte ihreDaten für die zeitliche Ordnung beibringen. Im Ausgriff über ganz Europawerden uns dann Volkskunde, Religionswissenschaft und Kulturgeschichtehelfen, aus weit verbreiteten, offenkundig sinnverwandten Formen der Gür-tung eines Kultobjektes das Problem der ostalpinen Kettenkirchen einerLösung näher zu bringen. Es wird sich zeigen, daß der gleiche kultur-
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