DIE MARIANISCHEN GNADENBILDER IN BAYERN
Beobachtungen zur Chronologie und Typologie
VON TORSTEN GEBHARD
Neque enim novimus faciem Virginis Mariae.Augustinus, De Trinitate. Lib. CIII c. V.
I.
" Gruß Deinen Augen, den Abbildern zweier Lampen, die der Künstler andem hohen Turm des Leibes aufhing." So singt eine äthiopische Marien-hymne. Kühne Wortbilder, die alle nur optische Wahrnehmung überwältigen.In der Sprache der Hymnen vermag die Kirche Bildnisse des Herrn und derGottesmutter zu zeichnen. Sie kennt aber noch eine andere Weise. Die Oster-kerze, die in der feierlichen römischen Liturgie der Osternacht geweiht wird,ist ebenfalls ein Bildnis Christi. Zwischen der Gegenständlichkeit der Kerzeals Bildnis und der Transzendenz der hymnischen Wortbilder steht die Ikoneals Kultbild. Ihr kommt die geweihte Gegenständlichkeit zu wie der Kerze,aber auch die Transzendenz des Wortbildes, insoweit als sie den homo cae-lestis vor Augen zu stellen vermag. Ikone und Gnadenbild, als eine beson-dere Form des Kultbildes, gehören zusammen. Es wird im Verlauf der Unter-suchung zu zeigen sein, daß das Gnadenbild immer wieder in seinem Wesens-kern zur Ikone strebt. Wenn wir die Ikone als Inbegriff des Kultbildeszwischen Kerze und Hymnus gestellt haben und diesem Gegensatzpaar denAusspruch des Kirchenlehrers gegenüberhalten, so geschieht dies, um einmalganz elementar spürbar zu machen, aus welch anderer Vorstellungswelt undwelch anderem Erleben heraus die Kultbilder entstanden sind, die sich alsGnadenbilder so tief in das religiöse Bewußtsein der Gläubigen allerNationen eingegraben haben. Wenn Novalis um 1800 seine bekannten Zeilenschreibt: Ich sehe Dich in tausend Bildern/ Maria, lieblich ausgedrückt/Doch keines von allen kann Dich schildern/ Wie meine Seele Dich erblickt/so entspricht hier das Wort des Dichters der allgemeinen„ Sehschwäche" derRomantiker, die vergeblich sich mühten durch eine eklektische Steigerungder rein natürlichen Erscheinung ein Wesen nachzubilden, das einer neuen,nur von der inneren Erfahrung geahnten Welt angehört. Die erste Fragewäre also die: Was heißt das„ Bild der Gottesmutter" und„ Verehrung diesesBildes"? Es ist hier nicht der Ort, theologische Fragen zu behandeln, sondernes geht nur darum: Wie sah das Volk( aller Stände!) die Gnadenbilder?Vielleicht hilft folgender Hinweis etwas weiter: Glasgemälde und Fresken,seien sie an den Wänden oder in den Gewölben, sind keine Kult- und Gna-denbilder. Das Gnadenbild ist Gegenstand, beweglicher Gegenstanddie Kerze, es verlangt einen Standort, es wird schützend überbaut, eswird bekleidet, gekrönt, selbst wenn es sich um ein gemaltes Bild handelt.Gerade bei den Gemälden wird diese andersgeartete Kategorie von„ Bild"erlebbar. Das Gnadenbild ist nie illusionistisch. Der Beschauer vergißt nicht,
wie
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