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Kultur und Volk : Beiträge zur Volkskunde aus Österreich, Bayern und der Schweiz ; Festschrift für Gustav Gugitz zum achtzigsten Geburtstag
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DIE BLATTERNGOTTHEITEN UND DIE HL. BARBARA IMVOLKSGLAUBEN DER GEORGIER

VON ROBERT BLEICHSTEINER

Vor der Sowjetepoche herrschten bei den Georgiern und ihren Nachbar-völkern in Bezug auf die Entstehung von Krankheiten die uralten Vorstel-lungen von Zorn und Strafe einer beleidigten Gottheit oder von besonderenKrankheitsgeistern, die sich des Menschen bemächtigen und nur durch Opferund Einhaltung bestimmter Tabus besänftigt werden können. So galt im öst-lichen Georgien, in der alten Provinz K'acheti, jede Krankheit für eine Strafedes Chati. Chati ist das georgische Wort für Ikon, es wird aber auch dieKirche des betreffenden Heiligen mit diesem Namen bezeichnet, und bei dengeorgischen Bergstämmen der Chewsuren, Pschawen, Tuschen, Mochewerund Mtiuler heißen so die halbheidnischen Glossar ::: zum Glossareintrag  halbheidnischen Heiligtümer, die früher eine Arttheokratischer Herrschaft über ihre Gemeinde ausübten und nicht bloßchristlichen Heiligen oder Engeln, sondern auch mythischen Gestalten oderhistorischen Persönlichkeiten, z. B. der Königin Tamara oder Lascha Giorgi,geweiht waren. Das Chati oder der Heilige schickt die Krankheit zumeist alsStrafe für den Nichtbesuch seines Gebetsortes( salocawi). Er fordert" indiesem Fall den Kranken zu sich. Ärztliche Behandlung würde den Heiligenbeleidigen und das Übel verschlimmern, man muß daher zunächst eine Wahr-sagerin( mk'itxawi Fragerin") aufsuchen, die durch ein Orakel den Namendes erzürnten Heiligen ausfindig machen muß. Dies geschieht durch ptila ¹),mit Baumwolle umwickelte Stäbchen, die über einer Schale mit Wasser ge-dreht werden. Die Stäbchen waren nach verschiedenen Heiligen benannt, undvon welchem die Wolle zuerst ab- und ins Wasser fiel, zu diesem Heiligenmußte der Kranke seine Wallfahrt unternehmen, um Genesung zu finden. Esmußten dabei Opfer an Kälbern, Schafen oder Hühnern gebracht werden.Hiezu kamen noch verschiedene Bußübungen: der Kranke mußte barfuß zumHeiligtum schreiten, die Kirche oder den heiligen Baum neunmal umwan-deln oder dreimal auf den Knien herumrutschen. Bisweilen sogar mit einerKette um den Hals. Manchmal wurde die Strafe von den Monebi auferlegt,das waren Frauen, die sich auf eine bestimmte Zeit dem Dienst des Heilig-tums angelobt hatten. Die wallfahrenden Kranken trugen über den Kleiderneine Art Hemd, von weißer Farbe bei inneren Leiden, von roter bei Blattern,Masern und anderen mit Ausschlag verbundenen Krankheiten. Dieses Klei-dungsstück wurde vor dem Heiligenbild oder an der Mauer des Gebetsortesals Zeichen der erfüllten Pflicht zurückgelassen und gehörte den Monebi. AlsHeilmittel wurde auch wohl Erde von den vier Ecken des Heiligtums mit-genommen, oder man trank das Wasser, mit dem der Priester das Ikon ge-waschen hatte. Häufig irrte sich die Wahrsagerin bei der Bestimmung desbeleidigten Heiligen, und das Orakel, wofür sie Eier, eine Henne, ein Tuchoder vielleicht 20 Kopeken bekam, mußte wiederholt werden, so daß derKranke oft viele Werst von einem Gebetsort zum andern geschickt wurde 2).Die alte Sippengliederung der Georgier, die sich, wenn auch überdeckt durch

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