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Kultur und Volk : Beiträge zur Volkskunde aus Österreich, Bayern und der Schweiz ; Festschrift für Gustav Gugitz zum achtzigsten Geburtstag
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MITTWINTERBRAUCH IM MONTAFON

VON RICHARD BEITL

Vom Klausentag bis Weihnachten

Um Mariae Geburt( 8. September) herum sind die Herden aus den Alpenheimgekehrt, spätestens aber zum 14. September. Von diesem Tag, Kreuz-erhöhung, bis zu Kreuzerfindung am 3. Mai haben in allen Hütten undStällen die Bütze das Recht, die Alpgeister. Die Butzgeschichten der älterenGeneration sind voll von Beweisen für diesen hergebrachten Glauben. EineWeile noch klingen die Herdenglocken- aus Zinnkupferlegierung gegossene,, Singasa" oder aus Eisen geschmiedete Plömpa"- von der Herbstweide indie kühlen Nachmittage. Dann kommen die Märkte und Viehprämiierungenmit ihrer fröhlichen Unruhe, vor allem der große Schrunser Markt", derHändler aus dem In- und Ausland versammelt. Nach Micheli wird es Tagum Tag stiller, und wenn im Oktober der erste Reif fällt, tönt nur noch dasKlirren der Halsketten dumpf aus den dunklen Ställen. Die Menschen aberrühren in der kargeren Spätherbstsonne, im Kathrinensömmerle", fleißigihre Arme, bringen die Erdäpfel in die Keller, Äpfel und Birnen auf dieLauben, den Most ins Faß und das Kraut in die Kufe. Nach Gallustag( 16. Ok-tober) sind die Obstbäume dem Zugriff der Buben freigegeben, waren eswenigstens früher, als man noch kein Spalierobst kannte; und nach dem,, Schuldamarkt" an Martini mit seiner Mahnung zu zinsen geht es demWinter zu mit seiner Heimlichkeit und seinem Geheimnis. Das Schweigenauf den Wiesen ums Haus, die tiefe Nacht der Tannenwälder, die Einsamkeitder Alpen, Schnee und Frost verleihen in unseren Bergen dieser Zeit einendüster- feierlichen Ausdruck, der sich Kindern dieser Landschaft tief in dieSeele prägt.

Wenn ich es unternehme, als kleine Festgabe für einen ebenso beschei-denen wie fruchtbaren und vielseitigen Vormann der österreichischen Volks-kunde, dem ich mich als Sammler des kleinen Andachtsbildes" besondersverbunden weiß, die Sitten und Bräuche der Mittwinterzeit in meiner Mon-tafoner Heimat darzustellen, so bleibe ich mir bewußt, daß ich nur dieäußeren Formen tieferen Glaubens und Wähnens zeichne. Aber wenn esedle und echte Formen sind, geben sie uns Bürgschaft für treubewahrtenGehalt. Und wenn solche Formen sich bilden, umbilden und auch in unserenTagen noch neue Sprossen treiben, so ist uns dies ein Zeichen von starkemLeben und unvergänglicher Fruchtbarkeit der alten Gedanken. Krankheitaber kündet sich an, wenn wir da und dort Mißbrauch, Übertreibung undVerfall sich ausbreiten sehen. Quellen für diese Mitteilungen sind das eigeneErleben und Erinnern und daneben besonders die Erzählungen des vor we-nigen Jahren verstorbenen Altbürgermeisters Franz Wachter in Schrunsund des Johann Josef Mathies auf Bartholomäberg, eines Heil- und Natur-kundigen im schlichten Bauernrock.

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