DIE WALLFAHRT ZUM KATAKOMBENHEILIGEN LEONTIUS IN MURI
VON ERNST BAUMANN
Das Benediktinerkloster Muri im Aargau wurde im Jahre 1027durch die Habsburger Grafen Werner und Radbot und Ita, Radbots Ge-mahlin, auf einem Besitztum dieser Gräfin gegründet und von Mönchen vonEinsiedeln besiedelt ¹). Die Habsburger übten die Kastvogtei bis 1415 aus,in welchem Jahre der Aargau von den Eidgenossen erobert wurde. Aberauch in der folgenden Zeit schenkten die Habsburger ihrem Eigenklosterihre Gunst: 1701 wurde die Abtei durch Kaiser Leopold I. gefürstet undführte fortan den habsburgischen Löwen in ihrem Wappen 2). Als Zeichender Erkenntlichkeit beschloß das Kapitel im folgenden Jahr, dem Kaiser dasReliquienhorn, sacris reliquiis cornu, zu schenken, welches die Abtei 1199von Albrecht III., Grafen von Habsburg und Landgraf im Elsaß, erhaltenhatte und das sich noch heute in der Wiener Schatzkammer befindet ³). Alsdas Kloster Muri 1841 aufgehoben wurde, schenkte Kaiser Ferdinand I. demAbte Adalbert Regli das aufgehobene Augustiner- Chorherrenstift Gries beiBozen, wohin der Konvent 1845 übersiedelte. Dort und in Sarnen, wo diePatres die geachtete höhere Lehranstalt leiten, blüht das Kloster Muri- Griesnoch heute. Am 13. Januar 1941, genau hundert Jahre nach dem unheil-vollen Aufhebungsbeschluß durch den aargauischen Großen Rat, wurdeder katholischen Kirchgemeinde Muri die Klosterkirche, eine der groß-artigsten Raumschöpfungen der schweizerischen Barockkunst, durch denKanton Aargau übergeben.
Das Kloster besaß einen großen Reichtum an Heiltümern undReliquien, darunter einen silbernen Schrein mit Reliquien des Herrn,der Apostel und vieler anderer Heiliger,„ einen vierecketen mit Beinen wieein Buch geformbten Sarch" mit Reliquien,„ einen anderen großen höltzenen,mit beinenen Bilderen gezierten Heiltum- Kasten, in welchem gleichfals auf-behalten werden Heilthumer gar vieler Heiligen Gottes und sonst viel an-dere geheiligte Ding", eine Stola des hl. Ulrich, einen Becher der hl. Adel-heid und den Buẞgürtel des Bruder Klaus 4). Nichts läßt aber auf eineWallfahrt zu diesen Heiltümern in mittelalterlicher oder spätmittelalterlicherZeit schließen. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts sollte dieKlosterkirche Muri zu einer der am meisten aufgesuchten Wallfahrtsstättender Schweiz werden. Gegenstand der Verehrung war der Katakomben-heilige Leontius.
Bekanntlich wurden nach der Wiederentdeckung der Katakomben Romsim Jahre 1578 unzählige dort gefundene Reliquien in alle Länder des christ-lichen Erdkreises abgegeben und dort mit Ehrfurcht empfangen und inEhren gehalten 5). Auch die schweizerischen Kirchen erhielten vom Beginndes 17. Jahrhunderts an( 1616) bis ins 19. Jahrhundert hinein( 1896) Anteilan diesen„ Katakombenheiligen", wobei die päpstliche Schweizer-garde als willkommene Vermittlerin wirkte 6).
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