GELEITWORT
Am 9. April 1954 vollendet Gustav Gugitz das achtzigste Lebensjahr. Damitfeiert ein Gelehrter ein Fest des hohen Alters, der die ihm zugemesseneLebenszeit so fruchtbar verwendet hat wie nur selten einer. Der großeKenner und Sammler, Forscher und Schriftsteller Gugitz ist in sechzig Jahrenseines Lebens durch die mannigfachsten Gebiete der Geistes- und Kultur-geschichte geschritten. Er hat von den Jahren der dichterischen Jugend an eineNeigung zur kulturellen Vergangenheit Österreichs, und zwar des Landesin seiner Gesamtheit, aber auch aller seiner Länder und besonders seinergeliebten Stadt Wien besessen, die ihn zur rastlosen Erschließung immerneuer Quellen und zur nimmermüden Aufzeigung bisher unerkannter Zu-sammenhänge trieb. Von der altösterreichischen Literaturwissenschaft undTheaterforschung ist er ausgegangen, zu ihr ist er auch immer wieder zu-rückgekehrt, wie es ihm schon das Gesetz seines stupenden Fleißes unddessen Ergebnisse vorschrieben. Aber dieser Weg führte ihn schon früh indie Gebiete der allgemeineren Kulturgeschichte Österreichs, brachte ihn mitder speziellen Sittengeschichte in nahe Berührung, ließ ihn mit hervor-ragenden Spezialisten der Volksliedforschung zusammenarbeiten. So ent-wickelte sich in ihm eine Kenntnis der Volkskultur vergangener Zeit vonden verschiedensten Seiten her: eine Art von historischer Volkskunde, wiesie in jenen Jahrzehnten noch nicht einmal theoretisch gefordert wordenwar. Dieses Eigenwüchsige an seinem Verhältnis zur Volkskunde ließ ihnjahrelang im kleinsten Kreis nächster Fachfreunde heranreifen. Erst in derMitte seines Lebens trat er mit Veröffentlichungen hervor, welche auch dieFachvolkskunde zur Kenntnis nehmen mußte. Was Gugitz in den Jahrennach dem ersten Weltkrieg mit Emil Karl Blüm ml als gesammelte Früchteaus seinen Gängen durch die altösterreichische Kulturgeschichte vorlegte,waren gereifte Ergebnisse einer Art von historischer Volkskunde, wie sienicht als Endprodukt theoretischer Forderungen, sondern nur als Erkennt-nisse aus einer ungeheuren Materialübersicht auf kultur- und literatur-historischem Gebiet hatten erwachsen können.
Der Tod Emil Karl Blümmls trennte diese fruchtbare Verbindung, dochzerstörte er sie nicht auf die Dauer. Gugitz hatte in der Zeit seiner Zusam-menarbeit mit dem großen Volksliedforscher vor allem die Note Wiens indiesem Duett vertreten. Nun verband sich der Historiker Edmund Frieß mitihm und verstärkte seine alte Neigung zu der kulturhistorischen Erschlie-Bung der österreichischen Landschaften. Das Aufwachsen der religiösenVolkskunde in den Dreißigerjahren, vor allem das Erstarken der Wall-fahrtsforschung gab dem Forscherpaar den Anstoß, hier für Österreich in-tensiver als bisher vorzustoßen. In diesen Jahren trat Gugitz auch in denKreis der Forscher am Österreichischen Museum für Volkskunde ein undbildete bald ein wichtiges Mitglied aller Zusammenkünfte, die damals dieVolkskunde in Wien zu einer beträchtlichen Höhe führten. So schloß er sichvor allem der Arbeitsgemeinschaft für Volkskunde an der Universität Wien
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