VII. Vom Singen in der Gottschee
Der herrliche Liederschatz dieser Sprachinsel wurde früh beachtet und erforscht.Die in Anm. 4 und 5 genannten Werke von Schröer und Hauffen gaben derFachwelt eine Vorstellung davon, was hier alles vorhanden war. Für das noch in derZeit der österreichisch- ungarischen Monarchie vom Unterrichtsministerium geplante Sam-melwerk ,, Das Volkslied in Österreich" wurden in allen Kronländern Arbeitsausschüsseeingesetzt. Auch für die Gottschee bildete sich 1906 ein eigener Arbeitsausschuß unterder Leitung des Hauffen- Schülers Prof. Dr. Hans Tschinkel( Prag). Dieser brachteim Laufe von nur sechs Jahren eine Sammlung von rund 1000 Liedaufzeichnungen zu-stande, die als erster Band der Volksliedsammelreihe erscheinen sollten. Das machte derAusbruch des Ersten Weltkrieges zunichte. Das Manuskript aber gelangte aus dem Nach-laẞ Tschinkels 1928 in den Besitz des Deutschen Volksliedarchivs in Freiburgim Breisgau. Nach langer Vorbereitungszeit wird nun seit 1969 dieser Schatz der All-gemeinheit zugänglich gemacht. Der ursprüngliche Plan erweiterte sich in der Weise, daßjetzt in der endgültigen Ausgabe sämtliche Liedüberlieferungen der Gottscheer zusam-mengefaßt werden, auch alles, was seither aufgezeichnet wurde. Die Ausgabe erfolgtin vier umfangreichen Bänden, von denen die beiden ersten bereits erschienen sind,Band 1 allein den Balladen gewidmet, Band 2 dem geistlichen Liede. 132
Verhältnismäßig wenig verraten uns die gedruckten Quellen aber davon, wie dieLieder auf den Lippen des Volkes lebten, wann man sie sang und was sie den Menschenbedeuteten. Hauffen nannte die erzählenden Lieder der Gottschee erhabene ,, Feier-tagspoesie", und die einstigen Besucher der Sprachinsel waren immer wieder beeindrucktvom feierlichen Ernst beim Liedvortrag, der sich auch beim Singen an geselligen Zusam-menkünften ungesucht einstellte.
Die nachfolgenden Aufzeichnungen versuchen, etwas vom Leben dieser Poesie ein-zufangen und zu vermitteln. Aus den Erzählungen meiner Gewährsleute und anschlie-Bend durch eine Auswahl von Liedern, die ich selbst aufzeichnete und die vorher nochnicht oder nicht mehrstimmig veröffentlicht waren, außer in meinem Aufsatz aus demJahre 1957( vgl. Anm. 1).
Die Gottscheer sind heute noch äußerst sangesfreudig. Und doch ist das nur nochein Abglanz dessen, was einst war. Bereits das Lagerleben und der verlorene Zusammen-halt in den Dörfern verursachte ein starkes Schrumpfen des Liederschatzes. Einst aberbegleitete Gesang ihr ganzes Leben, so karg es in der alten Heimat auch vielfach war.Nicht nur Mädchen und Frauen sangen, sondern wie wir eben hörten, vor allem auch dieBurschen.
Im Sommer gingen sie abends fast täglich singend durch das Dorf auf und ab, oftbis ein und zwei Uhr nachts. 30 und 40 Burschen waren da gern beisammen. Auf demDorfplatz stellten sie sich zur Linde hin und sangen stundenlang. Davon erzählten siemir immer wieder sehnsuchtsvoll, wie schön das war. Weithin klangen die Lieder durch
132 Gottscheer Volkslieder, Gesamtausgabe. Auf Grund der Sammlung von Hans Tschinkelund der Vorarbeiten von Erich Seemann mit Unterstützung des Deutschen Volksliedarchivsherausgegeben von R. W. Brednich, Z. Kumer und W. Suppan, Mainz 1969, 1972.
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