V. Lebensanfang, Geburt und Kleinkind
Am Beginn eines Lebens stehen Hoffnungen, Wünsche, Freude und Sorgen, und ausall diesem entspringen Handlungen, die einander naturgemäß auf der Welt weitgehendähneln; auch wenn es selbstverständlich Besonderheiten gibt. Die Bräuche der Gottscheebei Geburt und Kleinkind sind diesem Allgemeinbestand eingegliedert und weisen nichtso viele ortsgebundene Züge auf wie jene des Jahreslaufes. Gleichwohl findet sichBemerkenswertes auch hier.
Schon im Augenblick der Eheschließung richten sich die Gedanken vielfach auf dieWeitergabe des Lebens. Beim Betreten der Kirche muß die Braut z. B. nach vorne zumAltar schauen ,,, dann werden die Kinder alle so schön"( Mairle). Tritt die Braut beimHerausgehen aus der Kirchentüre, muß sie einen Blick zum Himmel tun, dann bekommendie Kinder klare Augen( Mitterdorf). Wer von den beiden künftigen Ehepartnern beider Zusammenkunft den anderen zuerst sieht, dem werden die Kinder ähnlich( Graf-linden), oder die Kinder gleichen dem Vater, wenn sie ihn zuerst erblickt( Prerigl) oderdem Aussehen nach der Mutter( Hohenegg).
Es gibt sogar einige Andeutungen eines Wiederverkörperungsglaubens. Z. B. wenn esin Mairle hieß:„, wenn die Braut vom Haus herausgeht und wenn sich die Hausleutmelden, dann kommen die Kinder auf die Art zurück, dann sind sie den Leuten ähnlich."Und in Göttenitz hieß es: ,, Die alten Leut haben gewußt, von welchen die Kinder aus-gegangen sind."
Unter den Vorstellungen, welche die Zukunft bestimmen, bezeugt A. Hauffen,daß die Braut in der Kirche unbemerkt einen Apfel fallen und nach hinten rollen ließ,damit sie leicht gebäre. In Tschermoschnitz durfte die Braut beim Hochzeitsmahl keineNudeln essen, sondern nur klare Suppe ,,, dann werden die Kinder nicht rotzig".
Die Vorstellungen von der Kinderherkunft, wie man sie den Kleinen erzählt,pflegen etliche mythische Reste zu enthalten. In der Gottschee sind sie ziemlich einheit-lich. In 13 Orten erfuhr ich, daß die Kinder aus Gewässern geholt werden, 124 zweimal,daß sie aus einem„ Gründle"( Erdloch) kamen( Morobitz, Suchen). Die Gewässer sindsowohl der Brunnen, eine Quelle, ein Bach, wie ein kleiner Weiher. Ich führe eine Aus-sage aus Masereben an:„ Die Kinder kommen vom Bruin( Brunnen) auer. Die Muimebringt sie von da. Wo es im Wasser geschwommen ist. Weil es nackert war und kaltgewesen ist, hat es gejåkn( geschrien). Oder wenn Hochwasser kommt, dann kommt auchein Kleines." Die Gewässer haben manchmal auch bestimmte Namen. In Ebenthal undAltlag ist es die„ Söhnleinlacke", in Komutzen eine„, Sheakna" genannte Quelle, inMerleinsraut das ,, Bibarnbründle". Das Morobitzer Loch, aus dem die Kinder stammensollen, war das„, Matthashgründle". Meist holt und bringt sie die Hebamme in einem,, Zoindle"( Körbchen), der Storch als Kinderbringer war sichtlich unbekannt. Dem be-treffenden Gewässer konnten auch sonst besondere Eigenschaften zugeschrieben werden.In Warmberg hat man sich in der gleichen Quelle auch gewaschen ,, für die Augen".
Von der werdenden Mutter gibt es die allgemein üblichen Vorstellungen. Sie sollnichts Garstiges anschauen( Ebenthal), sieht jemand die Mutter an, der den bösen Blick
124 Masereben, Hohenegg, Ebenthal, Mösel, Altlag, Nesseltal, Suchen, Verdreng, Warmberg,Komutzen, Gehag bei Tschermoschnitz, Merleinsraut, Grodetz.
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