18. Hirse
,, Von der Hirse hat es zwei Sorten gegeben, die gale( gelbe) und die grube( dunkel-graue). Der Hirse war begehrt. Hirshebraie essen ischt a guate Nahrung gewesen. Auchdas süße gute Hirsebrot backen, gemischt mit Gerste, Mais und Weizen. Aus Hirsemehlhaben die Frauen auch die Sauerteig- Leibchen( Urwot) gemacht. Hirse war die ersteFrucht und nachher Ruabn."
Bei der Ernte wurde die Hirse mit der Sichel geschnitten und in Garben gebunden.Diese hat man auf der Tenne fest aufgestockt, daß sie sich erwärmt haben, eine kleineGärung. Das erleichterte das Austreten. Es ist vorgekommen, daß sie sich so erhitzte, daßsie in Brand geriet. Die Hirse wurde nicht gedroschen, sondern die Körner wurden durchTreten aus den Halmen gelöst. Dieses streifende Treten nannte man„ reiben“. Zu dieserArbeit wurden die Mädchen des Dorfes gebeten. 72 Sie mußten unverheiratet, aber schonder Schule entwachsen sein( Krapflern). Das„, Hirsereiben“ ging daher reihum, da immerdie ganze Jugend beteiligt war und nicht an zwei Orten gleichzeitig sein konnte. AmAbend versammelten sich die Mädchen in dem betreffenden Anwesen. In der Scheunewar in Griffhöhe an der Wand rundherum eine waagrechte Stange, an welcher sich dieReiberinnen anhalten konnten. Zum Austreten stellten sie sich paarweise mit dem Gesichtzur Wand an diesen Handlauf. Es kam auch vor, daß man als Halt eine Säule umarmte.Die Mädchen entledigten sich ihrer Schuhe, denn das Treten geschah barfuß. JedesMädchen ergriff eine Garbe, halbierte sie an der Fruchtseite und die Mitarbeiterin steckteihre ebenfalls zweigeteilte Garbe ,, kopfüber" hinein, also mit den Fruchtenden voran. Dieineinander verkeilten Garben bildeten so ein festes Ganzes, das auf den Boden gelegt undmit den Füßen getreten wurde. In Mitterdorf legten sie die Garben parallel zur Wand, inMorobitz senkrecht. ,, Die Garben wurden nach hinten weggerollt und mit kunstvollenVerrenkungen des Fußes wieder nach vorne gerollt."„ Eine hat sie immer mit den Füßentretend gedreht, die andere reibend mit den Ähren ausgetreten"( Altlag). Als ich es mirvorzeigen ließ, streifte die Treterin mit den Sohlen die Garbe tretend nach hinten; dieGarbe bewegte sich bei diesem festen Drüberstreifen langsam nach hinten und wurdedann mit den Füßen wieder nach vorne geschoben und auch mit beiden Füßen umge-dreht. Ohne Zuhilfenahme der Hände, man ließ die Haltestange nicht aus. Nach einerweiteren Demonstration wurde dreimal mit dem rechten Fuß nach hinten gestreift, drei-mal mit dem linken, da war die Garbe von der Wand weg. Man fuhr dann mit demrechten Fuß unter sie, hob sie über den linken( also eine Drehung) und streifte nun mitdem linken und dann dem rechten Fuß nach vorne. Dann schüttelte man die Garben ausund legte sie in eine Ecke. Am nächsten Tag wurden sie aufgebunden und nochmals aus-geschüttelt, die Körner zusammengekehrt. Das Treten war nach allgemeiner Aussage sehranstrengend.
Die Burschen lehnten an der Wand der Scheune, machten Späße, und ab und zukam einer von hinten, nahm eine der Treterinnen und warf sie auf den Garbenstock.Dann konnte er ihr einen Kuß geben. ,, Wenn er zum Schmeißen zu schwach ist, erntet erviel Spott. Wenn einer sich zu viel erlaubt hat, haben die Mädchen gekratzt"( Ebenthal).In Altlag saßen die Burschen auf dem Garbenstock im Eck. Wenn ein Mädchen kam, umsich eine Garbe zu holen, küßte sie der Bursch, dessen Mädchen sie war. In Komutzentrugen die Burschen die fertig behandelten Garben weg und kehrten die Körner zur Seite.Zum Abschluß wurde getanzt, auch verschiedene Spiele gespielt, wie Stockschlagen, Rad-
72 Nur eine vereinzelte Nachricht aus Setsch spricht davon, daß Mädchen und Burschentraten, damit es schneller ging. Für sich allein steht Skrill bei Stockendorf. Dort ließ man Rinderdie Hirse austreten. Sichtlich ein von außen hereingekommener Umwelteinfluß. Diese Nachrichtverdanke ich Dr. G. Lipold.
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