II. Ackersegnen und Wachstumsbräuche
1. Vorbemerkungen
Die Gottscheer waren ein Bauernvolk, mögen auch händlerische Züge hinzugetretensein. Bauernarbeit und Bauernbrauch bestimmten daher auch das tägliche und das fest-liche Leben im Bogen des Natur- und des Kirchenjahres. Das nüchterne Beschreiben derArbeitsvorgänge in ihrer Abfolge, wie es das 3. Hauptkapitel versucht, bliebe jedochOberfläche, sähe man vorbei am inneren Erleben der Menschen und seinem Ausdruckselbst im handfest Greifbaren. Das wird sichtbar in Glaube und Brauch, wo der Menschsich an das„, Andere" wendet und mit ihm einen Bund einzugehen versucht. Nirgendsso deutlich wie bei Ackersegnen und Wachstumswunsch. Mit Absicht stelle ich zunächstein Kapitel darüber dem Gang durch das Arbeitsjahr voran. Der Tiefgang soll vonAnfang an bewußt gemacht werden.
Das Leben des Bauern ist bestimmt durch sein Eingeordnetsein in die Natur. Ausihm fließt eine unmittelbare Frömmigkeit, die das Lebendige fühlt und vom Unmach-baren weiß. Bei ihren Äußerungen verweben sich elementare Vorstellungen bruchlos mitder Welt des christlichen Glaubens. Das ist bei allen Bauern so, bei den Gottscheern abersehr oft besonders ursprungsnah, eigenartig und schön.
Wachstum und Ernte stehen im Mittelpunkt des bäuerlichen Denkens und Hoffens.Dabei ging es aber nicht nur um Geld und„ Berufserfolg", sondern in einer noch ganzdirekten Weise vor allem um Leben und Überleben. Der Mensch von heute kann sichzumeist kaum mehr vorstellen, was in den Zeiten vor der leichten Verfügbarkeit allerGüter durch den modernen Verkehr z. B. ein Mißwachs bedeutete; und das nicht nurfür die Bewohner abgelegener Hinterwälder, sondern selbst in großen Städten. Da be-deutete er nicht bloß Verdienstentgang, sondern Not und Hunger. Mehr als Worte sagtein Stich, der den Einzug des ersten Erntewagens in Stuttgart nach dem Hungerjahr 1817darstellt, wo jubelnde Menschen die Straßen säumen und den hochbeladenen und be-kränzten Wagen grüßen. 21 Im kleinen erlebte aber auch jeder Bauer fast alljährlich dieSorge, ob es wohl bis zur neuen Ernte reichen werde, wenn er nach Weihnachten seineVorräte musterte. Am Paulustag( 15. Jänner), der als Wintermitte gilt, sollte für dieMenschen an Nahrungsvorräten noch drei Viertel vorhanden sein, vom Viehfutter nochdie Hälfte. Das galt als Regel in der Gottschee. 22
Wenn es aber soweit war und von der neuen Ernte zum erstenmal Früchte aufge-tischt wurden, pflegte die auftragende Person in Obermösel zu rufen:„ Haier shaliges!"Das heißt:„ Glück verheißend heuer das erste Mal." In diesem Augenblick griff einTischgenosse mit breiter Hand nach dem Kopfe des anderen mit den Worten:„, Daß wires noch so oft essen sollen, als ich Haare begriffen habe!" Eine Gewährsfrau aus Mitter-
21 G. Jarosch, Erntebrauch und Erntedank, Jena 1939, Abb. 1.
22 Aufzeichnung in Ebental. Am Paulustag mußte man auch an die Bienenstöcke klopfenund sagen:„ Heute ist Mittwinter"( Morobitz, Mösel). In Masereben sagte man dabei:„ Lebet ihrnoch, oder seid ihr schon gestorben?" An diesem Tage dreht sich auch der Bär in seiner Höhle um.Wenn draußen Schlechtwetter ist, sagt er:„, Shai gåschtig bia du bilscht, i gan et äußin." BeiSchönwetter sagte er:„, Shai schian bia du bilscht, i gan et äußin"( sei schön wie du willst, ichgehe nicht hinaus).
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