bauen. Kaum unter unzureichenden und enttäuschenden Bedingungen begonnen, schonbedroht durch Partisanen und näherrückendes Kriegsgeschehen. Nach dreieinhalb Jahrenwar das Zwischenspiel zu Ende. Viel zu spät erhielten sie die Erlaubnis zur Flucht, diePartisanen holten ihre Trecks ein, einige Bahnzüge, die bis Wiener Neustadt gekommenwaren, leiteten die Russen wieder zu den Jugoslawen zurück. So kam die gesamte Be-völkerung der Sprachinsel unter die Räder, verlor ihre Habe und erlitt schwere Ver-luste an Menschen. Viele überlebten die Gefangenenmärsche, den Hunger und das Todes-lager Sterntal nicht. Volk an der Grenze, Volk jenseits der Grenze, Schicksalskettendurch die Jahrhunderte seit den Türkenzeiten. Von den 14.000 Gottscheer Umsiedlernretteten sich etwa 10.000 nach und nach herüber nach Österreich.
Hier lebten sie in Lagern, hauptsächlich in der Steiermark und in Kärnten. Dieschwierigen Verhältnisse auch dort und die Verlockung, den schon vor Jahrzehnten nachAmerika ausgewanderten mehr als 20.000 Gottscheern zu folgen, trieben zu erneutemAufbruch. 1953 erreichten mich Alarmnachrichten: die Gottscheer wandern ab, schonsind kaum mehr als 1000 in den Lagern zurückgeblieben! Wollte man von ihrer Volks-kultur noch festhalten, was festzuhalten war, gab es keine Minute zu verlieren. In denVereinigten Staaten, wohin der größte Teil ging, mußte die alte Überlieferungswelt ver-blassen und verschwinden, sie waren für mich auch außer Reichweite. Schon das Jahr-zehnt des Lagerlebens hatte sich übrigens bemerkbar gemacht, es war der letzte Augen-blick.
Durch die Unterstützung der„ Kommission für die Volkskunde der Heimatvertrie-benen" im Verband der deutschen Vereine für Volkskunde wurde es mir möglich, sofortArbeiten durchzuführen. Ich besuchte im Spätsommer 1953 die Lager Kapfenberg, Grazund Wagna in der Steiermark, sowie das Lager Feffernitz in Kärnten und machte außer-dem noch Einzelaufzeichnungen. Es war fast pausenlose Arbeit vom frühen Morgen biszum späten Abend, bis man erschöpft ins Bett fiel. Glücklicherweise gab es noch vieleältere Leute die Jungen waren vielfach schon in Amerika-, die von Brauch undGlauben noch gut berichten konnten. In den Lagern bestand nur mehr ein Restbrauch-tum Glossar ::: zum Glossareintrag tum, man hielt noch manche Hochzeitssitten, band die Palmbuschen in der überliefertenArt u. dgl., aber das Eigentliche war es nicht mehr. Es war aber ergreifend zu sehen, wiedie Menschen auflebten, als sie von ihrer früheren Welt erzählen konnten. Die Kommis-sion ermöglichte es auch, daß ich im Jahre 1954 noch Schallaufnahmen von GottscheerLiedern mit ihrer bisher noch gar nicht notierten Mehrstimmigkeit machen konnte, wobeider Grazer Rundfunk seinen Aufnahmewagen dankenswerterweise zur Verfügung stellte.Es waren meines Wissens die frühesten Tonbandaufnahmen von Gottscheer Liedern.
Eine dritte Periode der Aufzeichnungsarbeit ergab sich auf den„ GottscheerWochen", die auf Schloß Krastowitz bei Klagenfurt seit 14 Jahren abgehalten werden.Zu ihnen kommen Gottscheer selbst aus Kanada, den USA und Australien. Hier machteich von 1971-1974 ergänzende Befragungen, sowohl was das Ortsnetz betrifft, wieauch einzelne Themen, vor allem das Arbeitsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Arbeitsbrauchtum.
Die Gottschee zählte zuletzt 163 Siedlungen, die in 25 Gemeinden zusammen-geschlossen waren. Unter ihnen waren aber viele Zwergsiedlungen mit nur wenigen Häu-sern, die zunehmend durch Auswanderung verödet waren. 9a Es wäre sinnlos, sie alle abzu-fragen, zumal in Kleinsiedlungen das Gemeinschaftsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Gemeinschaftsbrauchtum oft verkümmert. MeinZiel war, möglichst alle wichtigen Dörfer zu erfassen, dazu Stichproben von Klein-siedlungen zu machen, die immerhin Rückzugsgebiete des Volksglaubens sein konnten.
98 Nur 13 Siedlungen hatten die Größe eigentlicher Dörfer mit mehr als 50 Häusern,
89 waren Kleindörfer( 12 bis 50 Häuser) und 61 Weiler( unter 12 Häusern).
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