Überschau
Die Barackenlager im Stadtbereich von Linz, die ersten primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag primitiven Wohn-gemeinschaften der Volksdeutschen, bestehen seit Ende des Jahres 1962 nicht mehr. Siemußten endgültig dem Stadt- und Straßenausbau weichen. Zudem war es eine dringendecaritative Forderung, daß die Flüchtlinge allmählich in feste Wohnungen eingewiesenwerden konnten. Die Errichtung derselben konnte mit Eigenmitteln und mit Unterstützungausländischer Gelder durchgeführt werden. Das Programm des Hohen Kommissars( derVereinten Nationen) für die Lagerräumung wurde im Jahre 1958 begonnen und hat zumZiel, alle Flüchtlinge, die zum Teil 10 Jahre oder länger in Lagern verbrachten, wiedereinzugliedern. Die Kosten aller Maßnahmen wurden zu zwei Dritteln aus einheimischenMitteln und zu einem Drittel aus internationalen Fonds getragen. Seit 1960 wurden inLinz laufend Barackenbewohner in feste Häuser umgesiedelt und die Baracken konntenabgerissen werden. Die alten, hilflosen und befürsorgten Menschen brachte man in Hei-men unter. Für viele Barackenbewohner war die Auflösung der Wohnlager der letzte An-stoß und Termin, an den Bau eines Eigenheimes zu gehen.
Damit ist das Wohnproblem der volksdeutschen Flüchtlinge abgeschlossen, und da-mit hat auch die große Wanderung aus dem Südosten ein Ende gefunden. Diese Wande-rung ist ein Teil jener Völkerwanderung globalen Ausmaßes, die unsere Gegenwart kenn-zeichnet. Man schätzt, daß mehr als 40 Millionen Menschen, Männer, Frauen und Kin-der, seit dem Ende des zweiten Weltkrieges Flüchtlinge geworden sind. Im Weltflücht-lingsjahr 1959/60 lebten in Österreich noch immer 7000 Menschen in Lagerbaracken.Aber 1951 waren es noch 60.000. In ganz Europa waren es 1958 noch 32.000 Flücht-linge, die in Lagern lebten 882).
Wie groß und bedeutungsvoll diese Wanderung war, mag ein historischer Ver-gleich aufzeigen: Die germanische Völkerwanderung, die das Bild unserer Heimat end-gültig formte, stellte eine viel geringere Völkerbewegung dar. Damals strömten in einemZeitraum von nahezu zweihundert Jahren, von etwa 375- 568 n. Chr., etwa 500.000 Men-schen aus dem Osten nach Europa. Dieses Gebiet war allerdings nur dünn besiedelt.
aus
Die Veränderung, die die letzte Wanderung aus Südosteuropa mit sich brachte, istheute noch nicht abzusehen. Auf soziologischem Gebiet ist sie jedenfalls gewaltigBauern wurden Arbeiter, aus Besitzern Besitzlose, und damit kam es zu einem jähen Bruchmit der festgefügten bäuerlichen Überlieferungswelt.
Wie die Entwicklung sich in Zukunft abzeichnen wird? In nächster Zeit wird dasSiedlungsgebiet um Linz sicher noch eine Insel bleiben. Aber mit ihrer Arbeit, ihrem Fleißund Willen zu einem geordneten Leben haben sich die einstigen Flüchtlinge aus dem Süd-osten ein bleibendes Denkmal gesetzt und sie werden in ihren Siedlungen auch in Zukunftbeispielgebend wirken.
882)„ Das Weltflüchtlingslager", Vereinte Nationen, Broschüre 1958,„ Weltflüchtlingsjahr", Berichtund Mahnung, Caritas der Erzdiözese Wien.
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