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Volkskunde der heimatvertriebenen Deutschen im Raum von Linz
Entstehung
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schiedener Formen. 323) Mit dieser unfertigen Umgebung muß sich der einzeln lebendeVolksdeutsche nun auseinandersetzen. Die Auseinandersetzung kommt jedoch nur einem Aufgeben" gleich. Es könnten z. B. in Linz Gestalten wie das" goldene Rößl", eineBrauchgestalt der Randgebiete, die in der Gegenwart wieder etwas in den Vordergrundgerückt wird, oder aber Luzia", die Licht- und Gabenspenderin aus Ungarn oder das,, Christkind persönlich" als weiße Gabenbringerin der Donauschwaben, bestehen. Dochdiese Gabenspender treten mehr und mehr zurück und aus der einfachen Bescherung mitApfel, Nüssen und Backwerk werden überall ziemlich gleich verlaufende Weihnachts-feiern mit Christbaum und einer Überfülle von modernen Gegenständen. Das Angebotder Großstadt und das Beispiel der einheimischen Bevölkerung locken zum Kauf dieser,, Kostbarkeiten". Es ist ja nur zu begreiflich, daß die Flüchtlingsfamilie sehr bald schonden Wunsch hegte, dem eigenen Kind die ortsübliche Weihnachtsfreude bereiten zukönnen. In vielen Familien führte gerade dieser Wunsch vielfach zu übertreibungen.

Moderne Aufklärung, Veränderung der sozialen Grundlagen, plötzliche Auseinander-setzung mit den politischen Parteien des Landes, die durch stetes Zu- und Abwandernnicht selten zur Aufsplitterung der Jugendgemeinschaften und zur Auflösung der altenSpiel- und Tanzgemeinschaften führte, wie schließlich die allgemeine Einstellung derJugend zur übernommenen Tradition haben oft allzu rasch zum Verfall des Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtumsgeführt. Dieselben Erscheinungen zeichnen sich in der Trachtenfrage und in der Pflegeder heimatlichen Dialekte ab. Noch aber bleiben die Familien und ihr häuslicher BereichZufluchtstätte für heimische Tradition.

Das Jahresbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Jahresbrauchtum

Das Jahresbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Jahresbrauchtum unterlag der größten Wandlung. Aus Ackerbauern wurdenFabriks-, Straßen- und Hilfsarbeiter, aus Hof- und Hausbesitzern Barackenbewohner. DieKinder dieser Menschen wachsen in diese neuen Arbeits- und Lebenskreise hinein. Daherwurden für sie alle agrarischen Bräuche sinnlos und gerieten vielfach in Vergessenheit.

Von Jahresbeginn bis Fasching

Schon der erste Neujahrsmorgen nach der Flucht wurde in allen Flüchtlings-lagern von Linz durch zahlreiche Schüsse begrüßt. Bis Mitternacht mußten die Burschenihre Vorbereitungen abgeschlossen haben. In jedem Lager gab es eine, oft aber mehrereGruppen von Burschen und Männern, die einen großen Hohlschlüssel mit Zündholz-köpfchen füllten, darauf einen Nagel steckten und dann durch Aufstoßen auf einen festenStein, Schüsse auslösten. 324) Aber daneben wurden auch Stoppelrevolver verwendet. 325),, Angeschossen wurden verehrte Mädchen und hochgestellte Persönlichkeiten.

Diesen Brauch hatte schon Adam Müller- Guttenbrunn im Banat erlebt. Er berichtete,daß die Burschen und Mädchen in der Neujahrsnacht zu bekannten Familien Glückwünschen gingen. Ehe sie die Häuser betraten, schossen sie in die Luft. Auch K. Kraushaarder Schilderer Südostdeutschen Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtums, berichtete davon. 326) Diese schußfreudigenGlückwünsche sind nie abgekommen. Es gab sie in der Batschka, im Banat, in vielenTeilen Jugoslawiens und Ungarns, wie auch bei den Deutschen Rumäniens bis in dieGegenwart hinein. In manchen Dörfern der Bukowina kam es auch zu sogenannten,, Peitschenständchen" vor den Fenstern der Mädchen. 327)

323) Vgl. hiezu die ausführliche Darstellung: H. Commenda, Volkskunde der Stadt Linz a. d. D.,Bd. 1, Linz 1958, S. 200.

324) Lager 63, 67, 65, 121.

326) Lager 55.

326) A. Müller- Guttenbrunn, Deutsche Kulturbilder, wie 22, S. 64.

327) Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums, wie 19, Bd. I, S. 627.