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Volkskunde der heimatvertriebenen Deutschen im Raum von Linz
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VIII

Brauchtümliche Überlieferungen

Es ist nahezu unmöglich, Sitte und Brauch der Volksdeutschen, die um und in Linzleben, zusammenfassend darzustellen. Die vielen Gruppen von Brauchtumsträgern Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtumsträgern lebteneinst in weit verstreuten Siedlungsgebieten im Südosten und Osten Europas. Jede dieserrückgewanderten Gemeinschaften hütete ihre alte" Überlieferung. Diese Menschenwaren in ihren Dörfern und Städten eine feste Gemeinschaft. So lebten sie nach Recht undSitte und empfanden ihr überliefertes Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum als richtig und verpflichtend. Vieles vondem einstigen Reichtum deutscher Volksüberlieferung wurde eingebüßt.

Die Entwicklung bis zum heutigen Tage, die sich schon in den alten Siedlungs-gebieten angezeigt hatte, wurde durch besondere äußere Umstände noch begünstigt. Denn:Sitte und Brauch sind in ihrem Ursprung dem Kult verwandt, und bei fast allen dies-bezüglichen Äußerungen ist der Glaube die Grundlage. Der Glaube aber geriet manchmalins Wanken. So hören wir aus allen ehemaligen deutschen Siedlungen, daß schon dort dieHeischebräuche vielfach mißverstanden wurden und oft durch Großmannssuchterloschen. 322) Heischebräuche sind auf der alten Glaubensvorstellung vom Geben undNehmen" aufgebaut. Die Heischenden bringen mit einem Wunsch, der gesprochen odergesungen, aber auch mit einer Rute geschlagen werden kann, Segen ins Haus. Als Gegen-gabe erhalten sie kleine Gaben in Form von Speisen- oder Geldspenden. Das wurde in denletzten dreißig Jahren vielfach nur mehr als Bettelei aufgefaßt. Ūmso verständlicher ist es,daß solche Bräuche nach der Flucht überhaupt nicht mehr geübt wurden. Diese Ein-stellung ging so weit, daß das Weihnachtssingen, Neujahrswünschen, Dreikönigssingenund das Eiersammeln der Ratschenbuben fast völlig unterblieben. Nur in abgeschlossenenGemeinschaften, wie in den Lagern, sind diese Bräuche hin und wieder anzutreffen.

In den Lagern finden sich auch die ersten Anzeichen von neuen Gemeinschafts-bräuchen. Dort, wo das Lager oder die neue Wohnsiedlung einen geistigen Mittelpunktbesitzt, wie etwa eine eigene Kirche, Schule oder wo gar die alte Dorfgemeinschaft zueinem Teil bestehen bleiben konnte, findet der Forscher unversehrtes Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum.

In den ersten Jahren nach der Rückwanderung vollzog sich innerhalb dieser Brauch-tumszentren Glossar ::: zum Glossareintrag tumszentren ein Kräftemessen der einzelnen Überlieferungsträger, das schließlich einerBrauchform zum Durchbruch verhalf. So kam es, daß beispielsweise das Kirchweih-brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag brauchtum im Lager Haid und im Lager 65 zum allgemeinen Kirchweihfest der Volks-deutschen wurde und die starken Züge des Banater Kirchweihbrauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag  Kirchweihbrauchtums annahmen. Esentwickelte sich also auf Grund einer Überlieferungsform ein Typus der von allen übrigenBewohnern angenommne und fortan Brauch wurde.

Noch komplizierter ist die Entwicklung dort, wo einzelne Menschen oder kleineGemeinschaften in die Aufnahmegebiete der Großstadt hineinsiedeln. Gerade in Linzsind die Erscheinungen auf dem Gebiet des Volksbrauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag  Volksbrauchtums vielfältig und vielschichtigund stetem Wandel unterworfen. Zum angestammten Traditionskreis wächst mit den Pendlern", vor allem aber auch mit dem Zuzug der Menschen aus den übrigen Bundes-ländern Österreichs, die die Industrie an sich zieht, immer noch eine Anreicherung ver-

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322) Z. B. H. Wolf- Beranek, wie 36, S. 272- 280.