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Volkskunde der heimatvertriebenen Deutschen im Raum von Linz
Entstehung
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VII

Die Volksfrömmigkeit

Notzeiten haben das Lebendigerwerden des Glaubens im Gefolge. Bei einer starkenVolksfrömmigkeit, die vielen volksdeutschen Gebieten eigen war, ist der Zug zum Reli-giösen stärker geworden. Nach einer sozialpsychologischen Untersuchung, bei der 1500katholische Vertriebene im Bundesgebiet Deutschland befragt wurden, ob sie glauben, daßGott sie mit der Vertreibung aus ihrer Heimat prüfen wollte, antworteten 44% der Befrag-ten mit ja, 29% mit nein und 33% konnten die Frage nicht entscheiden. Unter den Ja-Stimmen finden sich 48% Schlesier, 42% Sudetendeutsche und 40% Südostdeutsche 140).Aus dieser Statistik läßt sich erkennen, daß viele Christen ihr Unglück als Prüfung undStrafe Gottes auffaßten, und dies führte zu einer intensiveren Religiosität.

Verschiedene Formen religiösen Brauchtums Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtums, zumal es sich um Erscheinungen han-delt, die öffentlich sichtbar wurden, da sie nicht ausschließlich in der Familie verankertsind, wie etwa das Wallfahrtsbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Wallfahrtsbrauchtum, Beteiligung an Prozessionen und religiösenFeiern, wurden dem Beobachter schon in den ersten Jahren der Zuwanderung bekannt.Zu deutlich erkennbaren religiösen Bräuchen kommt es dort, wo Menschen gleicher Ab-stammung beieinander wohnen, und dort, wo eine Organisation oder die Kirche selbstfrüh dieser Frömmigkeit Bahnen weist.

Es ist daher kein Zufall, daß das religiöse Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum der Sudetendeutschen in Wienfrüher und häufiger in Erscheinung trat und bestimmte Formen annahm, als in anderenGebieten, daß das donauschwäbische religiöse Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum in Linz und Oberösterreich spür-barer wurde, während traditionelle Feiern und Feste der Siebenbürger Sachsen eher imSalzkammergut zu finden sind.

Die Wallfahrten

In erster Zeit lenkten die Wallfahrten der Heimatlosen die Aufmerksamkeit auf sich.Die Zeitumstände gaben die Erscheinungsform an. Solange die Reisemöglichkeiten nochbeschränkt waren, wurden viele gemeinsame Wallfahrten zu den nächsten Gnadenstättenunternommen. Auf diese Weise erfuhren Heiligtümer, die nahezu in Vergessenheit ge-raten waren, neue Impulse.

Andererseits suchten die Volksdeutschen die für Linz so bedeutsame Wallfahrts-kirche am Pöstlingberg während der russischen Besatzungszeit so gut wie gar nicht auf.Dabei war gerade sie seit alter Zeit ein Begriff für alle Wallfahrer aus Böhmen und Mäh-ren. Erst mit dem Abzug der Besatzung erfolgte wieder ein stärkerer Wallfahrtsstrom nachMaria Pöstlingberg. So kam es am 19. Oktober 1958, am Rosenkranzsonntag, zu einerWallfahrt von Kroaten und Slowaken. Es beteiligten sich rund 400 Personen an der Pro-zession. Nun aber wallfahren am 13. jedes Monats( Fatima), z. B. Männer und Frauenaus dem Lager 55, die aus der Bukowina stammen, auf den Pöstlingberg. Ehe sie weg-fahren, halten sie eine kleine Andacht in ihrer Lagerkapelle, beten einen Rosenkranz undtreten um 17 Uhr ihre Fahrt an 141).

Mit der Bewegungsfreiheit der Volksdeutschen verliert sich der Zuspruch zu kleinen,örtlichen Wallfahrten wieder. Dafür gewinnen die organisierten Großfahrten, d. h. Fern-

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140) Die Brücke" wie 13, Folge 37, 15. Sept. 1956.

141) M. Jabkovsky, Linz, Lager 55.