Die vergleichende europäische Volkskunde gehört zu den Aufgaben undZielen des Österreichischen Museums für Volkskunde seit seiner Gründungvor mehr als neunzig Jahren. Früh schon wurde dem entsprochen, washeute neu als Ethnologia Europaea postuliert wird. Die sammlerischen undforscherischen Bestrebungen noch vor dem Ersten Weltkrieg umfaßtendamals nicht allein die Länder und Völker des eigenen Vielvölkerstaates,sondern waren auch schon den Volkskulturen in der Nachbarschaft deralten Donaumonarchie zugewandt, welche man heute gerne wieder unterdem eine neue Gemeinsamkeit setzenden Begriff" Mitteleuropa" zusammenfaẞt.Österreichs vielfältige geschichtlichen und kulturellen Beziehungen zuItalien machen es unter diesem Gesichtspunkt verständlich, daß es amÖsterreichischen Museum für Volkskunde alsbald auch zur Sammlung vonZeugnissen der italienischen Volkskunde gekommen war, die von Wien ausauf Forschungsreisen zwischen den Jahren 1905 und 1926 zustandegebrachtworden sind( 1). Es soll hier darauf hingewiesen werden, daß namentlichArthur Haberlandt, der Sohn des Museumsgründers Michael Haberlandt,im Jahr 1912 den Norden Italiens bereist hat und dabei auch die Hochge-birgsgegend Giazza/ Ljetzan in den Lessinischen Alpen unweit von Veronaaufgesucht hat. Eine Schaukarte" Österreichische Forschungsreisen inItalien( 2) im Österreichischen Museum für Volkskunde macht deutlich,daß somit vor genau 75 Jahren eine Gebirgsgegend in Norditalien im Blick-feld des Interesses österreichischer Volkskundler gestanden hat, dienunmehr in Wien Gegenstand einer umfassenden Sonderausstellung ist:" In den Veroneser Bergen. Land und Leute in Tregnago und der Vald'Illasi".
Tregnago in der Provinz Verona ist der zentrale Ort jener Val d'Illasi,die sich am Alpensüdrand von der Hochgebirgsregion der Lessinia bishinaus in die Poebene erstreckt und deren höchstgelegene Ortsgemeinde,eben das Dorf Giazza/ Ljetzan, den Dreizehn Gemeinden angehört, jener" zimbrischen" Sprachinsel, in welcher im Mittelalter von Österreich( Tirol)zugewanderte deutschsprachige Siedler ansässig geworden sind. Naturund Geschichte, Gesellschaft und Wirtschaft, Religion und Kunst habenüber Jahrhunderte hinweg dieser Talschaft im Berührungsfeld italienisch-österreichischer Nachbarschaft ihr volkskulturelles Gepräge gegeben.Aufgeschlossene Bürger in Tregnago und in der Val d'Illasi haben sichin unseren Tagen in der Associazione Cultura- Territorio mit dem akade-mischen Curatorium Cimbricum Veronense zu einer" Geschichtswerkstatt"zusammengeschlossen, um dieses Kulturprofil der ihnen vertrautenLandschaft, ihrer Heimat, und das Wirken der gestaltenden natürlichenund kulturellen Kräfte gemeinsam herauszuarbeiten und in einer Schausichtbar werden zu lassen." Lektüre einer Kulturlandschaft" nennt manheute gerne eine solche Vorgehensweise, im Sinne der neueren italienischenSemiotik, welche sich der älteren Volks- und Heimatkunde an die Seitestellt und gleicherweise Ausdruck eines auch in Italien allenthalbenwiedererwachenden und verstärkten Heimatbewußtseins ist.
In der volkskundlichen Kenntnis einer den Verhältnissen des alpinenÖsterreichs in vielen Zügen verwandten" mitteleuropäischen" Kleinregionam Südrand der Alpen; im Vergleich ähnlicher wissenschaftlicher Arbeits-
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