2. Schwerpunkte volkskundlicherForschungsgeschichte im Waldviertelunter besonderer Berücksichtigung desÖsterreichischen Museums für Volkskunde
Die Ansätze zur Entwicklung einer Volks- und Landeskunde werden für das Wald-viertel, ähnlich wie für das gesamte Land Niederösterreich, in den bekannten Vorfor-men, die mehr als Quellen für die Wissenschaft dienlich sind denn Wissenschaftlich-keit im neueren Sinn für sich beanspruchen können, etwa ab dem 17. Jahrhundertnäher greifbar. Leopold Schmidt ist dieser Forschungsgeschichte für das gesamteLand Niederösterreich nachgegangen, ¹ und Wolfgang Häusler hat in seiner Editiondes Tagebuches des Waldviertler Wanderers Johann Anton Friedrich Reil eine kon-kreter auf die Entdeckungsgeschichte des Waldviertels im Rahmen der niederöster-reichischen Landeskunde bezugnehmende Darstellung versucht.²
Die erste für das Entsiedlungsgebiet bedeutsame topographische Bestandsauf-nahme ist dem Grafen Joachim von Windhag zu verdanken, dessen Herrschaftsbe-reich von Oberösterreich ausgehend auch Teile des niederösterreichischen Waldvier-tels umfaßte. Einer ersten Beschreibung seiner Herrschaftsgüter der„ TopographiaWindhagiana", 1656, ließ er 1673 eine erweiterte Auflage, die„ Topographia Wind-hagiana aucta“ folgen( vgl. Kapitel 3.10., S. 134). Eine weitere ähnliche Quelle ausdieser Zeit, die unter anderem auch diesen Raum berücksichtigt, bildet das im Auf-trag der niederösterreichischen Stände von Georg Matthäus Vischer erstellte Karten-werk„ Topographia Archiducatus Austriae inferioris modernae"( erschienen 1672).Als bedeutender für die Geschichte der Waldviertler und der niederösterreichischenVolkskunde veranschlagt Leopold Schmidt die„ Georgica Curiosa", die Beschrei-bung des adeligen Land- und Feldlebens des in Thumeritz bei Drosendorf ansässiggewesenen Landedelmannes Wolfgang Helmhard Freiherr von Hohberg( erschienen1682 und in einer zweiten Fassung 1687). Der aufgeklärte Absolutismus des 18. Jahr-hunderts zog aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus ein verstärktes Interesse anLand und Leuten nach sich, welches sich in der Herausgabe der Topographien mitstatistischen und ökonomischen Schwerpunkten manifestierte.³ Aber auch die Gat-tung der Reiseliteratur, deren Quellenwert für die historische Volkskunde längst er-kannt ist, entwickelte gegen Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhun-derts eine erste Blütezeit. In ihr vollzog sich gewissermaßen„ die Synthese von geo-1 Leopold Schmidt, Volkskunde von Niederösterreich. Band 1. Horn 1966, Forschungsge-schichte, S. 15- 52.
2 Wolfgang Häusler, Zur Entdeckungsgeschichte des Waldviertels im Rahmen der nieder-österreichischen Landeskunde. In: J. A. F. Reil, Der Wanderer im Waldviertel. Herausgegebenund eingeleitet von Wolfgang Häusler. Wien 1981, S. 16- 33.
3 Vgl. Häusler, a.a.O., S. 21- 22.
4 Vgl. Schmidt, a.a.O., S. 21- 24.