1. Einleitung
Die Fakten der Weltgeschichte, der Einmarsch Hitlers in Österreich und die Macht-übernahme durch die Nationalsozialisten in den Märztagen 1938 und der nachfol-gende Weltkrieg sind bekannt. Weniger bekannt, außer bei den Betroffenen selbstund in deren Umfeld, ist das Faktum der Waldviertler Lokalgeschichte:„ Bildung desHeeresgutsbezirkes Truppenübungsplatz Döllersheim“ in den Jahren 1938 bis 1942für die Deutsche Wehrmacht und ihre Zwecke, und die weitreichenden Folgen fürfast 50 Dörfer und etwa 7.000 Menschen. 7.000 Schicksale von Menschen, die sichheute manchmal als„ Heimatvertriebene im eigenen Land“ bezeichnen. Sie mußteninnerhalb kürzester Zeit ihre Dörfer verlassen, wurden„ ent-" bzw.„ um- gesiedelt",manche von ihnen in nur wenige Kilometer entfernte Regionen, andere nach Ober-österreich, in die Steiermark oder anderswohin. Für ihre Höfe, Felder und Wälderwurden sie entschädigt. Manche großzügig, andere haben durch die Umstände dengesamten Besitz verloren. Heute befindet sich in dieser„ alten Heimat" der größteTruppenübungsplatz Mitteleuropas. Von den Dörfern ist nichts geblieben, außer nurmehr für Eingeweihte und Ortskundige erkennbare, durch wuchernde Vegetationzugedeckte Ruinenreste. Zivilpersonen ist das Betreten des militärischen Sperrgebie-tes untersagt.
Die gegenwärtige Situation dieser Region sieht nicht gerade rosig aus. Die Rand-gemeinden um den Truppenübungsplatz beklagen eine chronische weitere Entsied-lung rund um den gestorbenen Kern. Die Jugend wandert ab in die Zentren des Lan-des. Die wirtschaftliche Situation ist hier aufgrund der zweifachen Grenzlage einer-seits durch die Truppenübungsplatzgrenze, anderseits durch die Staatsgrenze viel-leicht noch ein wenig prekärer als im restlichen Waldviertel.
Die Truppenübungsplatzgemeinde Allentsteig hat nun ihrerseits, 50 Jahre nachdem Einmarsch Hitlers in Österreich, der die Anlegung des Truppenübungsplatzesunmittelbar verursacht hat, die Gelegenheit wahrgenommen, durch die Ausrufungeines Gedenkjahres„, 50 Jahre Aussiedlung im Waldviertel" via Aussiedler auf diegroßen Probleme der Region in der Öffentlichkeit hinzuweisen.
Der Volkskunde sagt man im allgemeinen nach, daß sie mit ihren Forschungenerst dann einsetze, wenn die untersuchten Phänomene bereits im Verschwinden be-griffen und damit nur noch marginal erfaßbar seien. 1938 war sie allenthalben promptzur Stelle. Die bevorstehende Entsiedlung des Raumes Döllersheim wurde im Juni1938 bekannt, im August mußten die ersten acht Dörfer geräumt sein. Im Juli dessel-ben Jahres und im Winter 1938/39 wurde eine„ Arbeitsgemeinschaft Waldviertel"in das zu entsiedelnde Gebiet entsandt, um in den betreffenden Ortschaften volks-kundliche Untersuchungen in Form von Befragungen und photographischen Auf-nahmen durchzuführen. Gleichzeitig wurden im Auftrag des Österreichischen Mu-seums für Volkskunde in Wien im Entsiedlungsgebiet volkskundlich interessanteObjekte angekauft, welche in die Sammlungen des Museums eingingen. Diese volks-