Druckschrift 
Dr. Thomas Murners Ulenspiegel
Entstehung
Seite
338
Einzelbild herunterladen
 

338

Abhandlung über den Ulenspiegel.

Unsere Zeit wenigstens bis zu dem Eintritte der neuerlichenMonumentomanie möchte in dieser Betrachtung den Hauptgrundgegen die Gleichzeitigkeit eines solchen Denkmales finden. Dochmüssen wir uns hier damit beruhigen, dass die Wirklichkeit vielphantasiereicher ist, als alle Kritiker, Historiker und Dichter zu-sammen und vielleicht sogar einen unbezahlten Denkstein ge-kannt haben könnte. War ein von Wanderern besuchtes Grabvorhanden, so lag es in dem leicht verständlichen InteresseMöllns, den einfachen Denkstein, wie das älteste Volksbuch ihnbeschreibt, wenn er verwittert oder anderweitig zerstört war,zu erneuern und, wie erweislich geschehen ist, dem Zeitge-schmack gemäss zu verändern.

§. 5. Ulenspiegels angeblicher Grabstein

zu Damme.

Von den Denkmälern, welchen eine Beziehung zu Ulenspiegelgegeben ist, erscheint keines so beachtenswerth, wie ein Grabsteinzu Damme, sowohl wegen des Alters der damit verknüpften Sage,als der Berücksichtigung desselben in einigen Bearbeitungen desVolksbuches, besonders aber aus dem Grunde, weil dieser Um-stand zur Begründung einer anderen Nationalität unseres Heldenhat dienen sollen.

In der alten, durch ihre Verbindungen mit der deutschenHanse, namentlich mit Hamburg, in der allgemeinen Handels-so wie in der flandrischen Geschichte merkwürdigen Stadt Dammebefindet sich eine längst zum grösseren Theile zerstörte Kirche.In derselben sah man einen Grabstein, welchen das Volk fürdenjenigen des Ulenspiegel hielt. Doch der erste Rath von BrüggeDr. J. B. van Belle bezeugt, dass in seiner Jugend im Jahre1556 dieser merkwürdige Stein den Fremden und auch ihm ge-zeigt sei, und zwar als der des niederländischen Dichters Jacobvan Maerlant, welcher Stadtschreiber zu Damme gewesen. Alsvan Belle im Jahre 1584 nach dieser Stadt zurückkehrte, fander jenen Grabstein in der von den Bilderstürmern zerstörtenKirche erst nach langem Suchen, mit Kalk und Schmutz bedeckt.Nachdem der Stein mühevoll gereinigt war, erkannte er die Zeich-