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Heinrich Bebels Schwänke. zum l. Male in vollst. Übertr. hrsg. von Albert Wesselski
Entstehung
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Zeit trefflich erfüllet würde. Als ihn darob sein Mutter schalt undanhielt, man sollt das Kindlein seinem wahren Vater zurückgeben,antwortet er: Sollt ich unserm Pfarrer, so ein unstråflicher Mann ist,nicht glauben? Der da, wie ich nicht zweifle, nach dem Spruch derWeisen sagt, man soll die Nacht auch mit einzahlen in die Zeit desTragens, sonderlich wo jeßund zur Winterszeit die Nacht viel långerzu rechnen sind, denn die Tage. Und höre, Mutter, wie geschickt auchich bin: dann aus der Länge der Nacht hab ich funden, daß noch einwenigs über die natürlich Zeit überig ist, so daß aller Trug ausge-schlossen ist."

137. Von der Lügen eines Bruders, der prediget.

n eim andern Ort hab ich geschrieben, wie die Gröblichkeitmancher Prediger der Kirchen nicht viel Nuzz bringe, ja zu oftenMalen sogar schade; da haben sie die heilig und bewährte Schrift undverfallen auf alter Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag  Weiber Fabeln, die sie Exempla nennen. Darauserregen sie den Einfältigen nicht geringes Ärgernis oder Schaden,dann sie mit ihren Exempeln Dinge bekräftigen, die weder wahr, nochwahrscheinlich sind und von ihrer größten Gröblichkeit und Eitelkeitwegen ihren Ursprung in Gott zu haben nicht verdienen. Das sag ichaber derhalben: Ich kenne sehr wohl ein Kåsbruder, der hat dem einfältigVolf also geprediget:" Ihr Gläubigen Christi, auf daß Ihr verstehn könnetdie nie abnehmend Freude der ewigen Seligkeit, so will ich Euch dieswirklich und wahrhaftig Erempel geben, das sich mit einem von unsernVåtern zugetragen hat. Der ging auf ein Zeit im Lenze durch eingrünen Wald und höret dort ein Vöglein honigsüß singen; der lieblichGesang beweget ihn, er saß nieder und lauschet ein kleine Weil, wieer vermeinet. Aber da er die Zeit kaum für ein Stund lang achtet,waren es fünfhundert Jahr gewesen. Und als er wiederkame zum Con-vent seiner Brüder, kennete ihn keiner, er aber alle; er verwundert sichob der Neue dieser Sach, redet ein jeden besonder an und saget:, Warum kennet Ihr mich nicht, Ihr lieben Brüder? Daraus könntIhr", sprach der Predigtpfaff, bei Euch erwägen, wie groß die Freudim Himmel sei und unbegrenzt durch Zeit, so das Vöglein unserm

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